„Ich hatte einen Alptraum“ – was die Ärztin vergessen hatte

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Windenrettung mit und ohne Hypnose

Der Einsatz

Der Funkspruch kommt am frühen Nachmittag: ältere Wanderin, Sprunggelenk, 2500 Meter, unwegsames Gelände. Als der Helikopter über die letzte Kuppe fliegt, sehe ich sie schon von oben – sie sitzt auf einem alpinen kleinen Wegchen, das rechte Bein seitlich weggestreckt und neben sich ihre 2 Begleiterinnen im ähnlich fortgeschrittenen Alter. Kein Wind, immerhin, aber die Fläche neben ihr ist steil abfallend und reicht nicht aus für eine Landung. 

Das wird eine Windenrettung.

Der Rettungssanitäter und ich müüsen ein sogenanntes Schwebendes ausstiegsmanöver durchführen, er zuerst, ich hinter ihm. Danach ein kleiner Abstieg zu fuss mit unserem Material zur Patientin. Derweil machen wir unsere erste Evaluation: Untergrund, Hindernis, Wind, wie die Patientin liegt, ob sie ansprechbar ist. Sie ist es, vollständig, und das macht die Situation zugleich einfacher und komplizierter – einfacher, weil keine vitale Bedrohung im engeren Sinn vorliegt, komplizierter, weil sie jedes Wort mitbekommt, das über ihre Rettung entschieden wird.

Unten die übliche schnelle Choreografie im unwegsamen , alpinen Gelände: Zugang legen, Schmerzmittel verabreichen, die Fraktur schienen. Der Bruch am oberen Sprunggelenk (OSG- Fraktur) ist geschlossen, die Durchblutung des Fußes intakt, aber der Schmerz ist erheblich, das sieht man ihr an. Ich gebe ihr Schmerzmittel – vorsichtig dosiert, weniger als ich es am Boden tun würde, denn es handelt sich um ein starkes opiathaltiges Medikament und besonders an der Winde muss man aufpassen, dass es nicht seine typische Nebenwirkung entfacht und es zu einem Atemstillstand kommt. Zwar dauert die eigentliche Windenrettung ca. 6 Minuten, aber die können lang sein, wenn mensch nicht atmet oder zu wenig.

Natürlich sind die Patienten neben ihren Schmerzen noch einmal mehr aufgeregt, wenn es heisst, wir werden mit der Winde aus dieser Situation rausgeflogen. Jedoch kann ich sie zumeist beruhigen – ich sage ihnen ganz genau, was sie erwartet, dass es kurz bevor wir am Helikopter sind, drehen kann, aber dies normal sei und sie sich nichts dabei denken müsse. Nur Unwissenheit beschert Angst. Das taten wir auch bei unserer Dame, hier oben in 2500Meter Höhe. 

Der Widerstand

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Sie sagt es dreimal, mit wachsender Bestimmtheit. Sie habe Höhenangst. Sie werde unter keinen Umständen ihren Verstand aufgeben. Wir könnten sie so nicht aus diesem Berg herausbringen.

Es ist kein Trotz, das merke ich sofort. Es ist echte Angst, die sich in der Anspannung ihrer Schultern zeigt, in der Art, wie ihre Finger sich in den Stoff ihrer Jacke krallen, in der Schnelligkeit ihres Atems, der flacher wird, obwohl das Schmerzmittel längst wirkt. Und sie hat, medizinisch betrachtet, ein berechtigtes Argument: Wer unter Panik hyperventiliert oder sich gegen den Sack wehrt, gefährdet sich selbst, an der Winde kann es da schon mal zu Problemen kommen, die man ad hoc nicht lösen kann. 

Es gibt aber keinen zweiten Weg von diesem Berg herunter, laufen ist keine Option. Das würde Stunden dauern, aber wie sollten wir sie denn zu zweit hinuntertragen – stundenlang? 

Ich setze mich hinter sie, sodass ich sie unter den Armen fassen kann, um sie zusammen mit dem Rettungssanitäter in den Bergesack zu legen. Sie spürt meine Nähe, dreht den Kopf leicht, als würde sie abwägen, ob sie sich wehren soll.

In diesem Moment entscheide ich mich für die Hypnose zusätzlich zur Analgesie, gezielt gegen die Höhenangst, die das eigentliche Problem der nächsten Minuten ist, nicht der Bruch. Es ist eine Entscheidung, die ich in Sekunden treffe, ohne den Rettungssanitäter vorzuwarnen, weil dafür keine Zeit bleibt.

Die Intervention

Vor uns, auf der anderen Seite des Tals, steht ein Berg in voller Sonne. 

Ich richte ihren Blick dorthin, mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme, ohne Eile.

„Schau in die Sonne auf dem Berg dort. Spüre, wie dir das Licht und die Wärme gut tun. Spüre, wie sich dieses Licht in dir ausbreitet, wie es in deinem Körper eine heilende Wirkung hat. Dieses Licht gibt dir das Vertrauen, das du jetzt brauchst, um aus dieser Situation herauszukommen. Es füllt dich komplett aus und hüllt dich ein. Du bist in guten Händen, dir wird nichts passieren.“

Ich wiederhole die Sätze in leichten Variationen, im Rhythmus ihres Atems, den ich an meinen Händen spüre – er wird langsamer, tiefer. Und dann, ohne Vorwarnung, fällt sie rückwärts in meine Arme. Die Augen sind offen. Sie lächelt. Eine Zufriedenheit liegt in ihrem Gesicht.

Mein Kollege neben mir schaut mich an, mit einem Blick, den ich später als „jetzt spinnt meine Frau Doktor“ beschreiben werde – Skepsis, Verwunderung, eine gewisse Distanz zu dem, was er gerade sieht. Diese Distanz hält genau bis zu dem Moment, in dem sie sich mir entspannt übergibt, sich von uns in den Bergesack legen lässt, ruhig, kooperativ, als läge kein Abgrund unter ihr. 

Dann ist sein Blick nur noch Verblüffung. Später sprach er davon, er glaubte einen Moment an Magie, aber Hypnose ist keine Magie sondern wissenschaftlich und fundiert.

Der vergessene Satz

Was ich in diesem Moment vergesse, ist ein einziger Satz.

In der Hypnosepraxis gehört es dazu, der Person zu sagen, was sie erwartet, wenn sie wieder vollständig im Hier und Jetzt ankommt: dass sie klar sein wird, dass sie sich an bestimmte Details nicht erinnern muss oder eben doch, aber in diesem Fall hätte ich Nichterinnern gewählt. Hätte gesprochen über die Geborgenheit, die sie jetzt spürt, die bleibt, auch wenn die konkrete Szene verblasst. 

Dieser Satz fehlte bei mir. Er fehlte, weil mich die Plötzlichkeit ihres Vertrauens selbst überrascht hat – ich bin für einen Moment mehr Ärztin im Ausnahmezustand als Hypnotiseurin, die ihr eigenes Protokoll zu Ende führt. 

Die Sicherung im Sack, die Windenrettung, der Rest des Flugs – alles verläuft gut und an sich wie meistens, zum Glück. 

Im Spital ist sie schnell wieder vollständig im Hier und Jetzt, orientiert, klar, ansprechbar. Sie fragt nach ihrem Rucksack, nach der Uhrzeit, nach dem weiteren Ablauf – alles Zeichen, dass die Trance vollständig abgeklungen ist, ohne Nachwirkungen, ohne Verwirrung. Ich sehe sie noch kurz auf der Trage, bevor sie in die Röntgenabteilung gebracht wird. Und dann sagt sie diesen einen Satz, der mich vor Schreck erstarren lässt:

„Ich hatte einen Alptraum. Ich habe geträumt, ich hänge an einem Drahtseil unter einem Helikopter.“

Es stimmte. Sie hatte es nicht vergessen. Sie hatte es nur nicht als Erinnerung bekommen, die man mit sich tragen kann, sondern als Alptraum, der sie hoffentlich heute, wo ich das schreibe nachts nicht mehr einholt.

Was der Unterschied ist

Die Fakten in ihrem Kopf waren korrekt – das Drahtseil, der Helikopter, die Höhe. Was fehlte, war der Rahmen, in dem diese Fakten liegen durften. Ohne den Satz am Ende der Hypnose blieb ihr nur die reine Information: Sie hing an einem Seil, unter einem Helikopter, in großer Höhe. Genau die Situation, vor der sie sich so vehement gewehrt hatte. 

Mit dem Satz, der zu jeder guten Hypnose gehört, wäre daraus etwas anderes geworden: (vielleicht) eine Erinnerung an eine Situation, die sie überstanden hat, getragen von Vertrauen, in guten Händen. 

Derselbe Inhalt, aber mit einem Vorzeichen, das über Erinnerung oder Alptraum entscheidet.

Das ist die eigentliche Lehre aus diesem Einsatz, und sie hat nichts mit der Fraktur zu tun, nichts mit der Dosierung der Schmerzmittel, nichts mit der Windentechnik. Sie betrifft ausschließlich die letzten Sekunden einer Hypnose – jenen Moment, in dem man die Person aus dem Trancezustand zurückholt, und in dem man entscheidet, mit welchem Gefühl sie zurückkommt.

Natürlich passieren solche Dinge, frau ist schließlich auch nur ein Mensch, aber ich hinterfrage mich dann sehr, ob ich eine gute Ärztin bin, ob ich das immer alles im Griff habe und vieles andere mehr. 

Was ich seither anders mache

Seither achte ich vermehrt darauf, dass ich Klienten die positiven Gefühle bewusst spüren lasse, bevor ich sie aus der Hypnose heraushole, als letzter, integrierter Schritt der Trance selbst – das Gefühl von Geborgenheit, von Vertrauen, von Sicherheit wird verankert, bevor der Verstand wieder vollständig übernimmt. 

Dies gehört zum Algorithmus, der Reihenfolge der technischen Vorgehensweise. Aber diese Reihenfolge entscheidet offenbar darüber, ob eine schwierige Erfahrung als etwas abgelegt wird, das man überstanden hat, oder als etwas, das einen nachts wieder heimsucht.

Zwei Reaktionen

Mein Kollege in diesem Einsatz ist seither, könnte man sagen, bekehrt, was Hypnose im Rettungsdienst angeht. Er hat gesehen, wie eine Patientin, die sich verbal komplett gegen den Transport gewehrt hat, innerhalb von Sekunden kooperativ, ruhig und sicher wurde, und er hat gesehen, was passiert, wenn ein Detail am Ende fehlt. Für ihn war es, kurz, fast Magie, und er erwähnt den Einsatz seither gelegentlich selbst, wenn Kollegen skeptisch über Hypnose sprechen.

Meine Notarzt -Kollegen reagieren seltener mit Verblüffung. Häufiger mit einem bestimmten Blick, der mehr sagt als jedes Argument – höflich, zurückhaltend, aber unmissverständlich distanziert von allem, was nicht in einem Lehrbuch der Notfallmedizin steht. 

Manche fragen nach, aus echtem Interesse. Die meisten lassen den Fall stehen, ohne ihn zu kommentieren, was eine eigene Art von Kommentar ist. 

Ich verstehe diese Zurückhaltung, ich habe selbst Jahre gebraucht, um Hypnose nicht als Zusatz, sondern als vollwertigen Teil meines Werkzeugkastens zu betrachten – neben Medikamenten, neben Schienen, neben allem, was sich in Milligramm und Millimetern messen und berechnen lässt.

Wer heilt, hat recht

Medizin ist für mich seit Jahren keine reine Frage der Schulmedizin. 

Sie ist die Sorge um Körper und Seele gleichermaßen, und in einer Situation wie dieser – am Windenseil ohne Alternative – zeigt sich das besonders deutlich: 

Die richtige Dosis Schmerzmittel allein hätte diese Patientin nicht sicher heruntergebracht. 

Das Vertrauen, das sie brauchte, kam aus einem anderen Register.

“Wer heilt, hat recht” (Hippokrates zugeschrieben)

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