Wenn das meine Mutter wüsste

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Es gibt Mütter, denen man alles erzählt. Und es gibt Mütter, bei denen man sehr genau weiß, welche Wahrheiten man lieber in Ruhe lässt.

An sich gehört die Meine in die erste Kategorie. Das meiste habe ich ihr im verleuf der Jahre tatsächlich erzählt, bis auf einiges weniges. 

Was mir bei dieser Blogparade einfällt, ist kein heimlicher Kuss, kein peinlicher Fehltritt. Es ist ein Geflecht aus Herkunft, Trotz, Stolz und Vererbung. Und mittendrin eine Frau, die vieles geprägt hat, ohne jemals viele Worte darüber zu verlieren.

Sie kam nicht aus Verhältnissen, in denen man Träume großzügig fördert

Geboren 1946, in ärmlichen Verhältnisse, in einem oberschwäbisches Dorf auf einem Berg. Protestantisch, wie alle in den drei Bergdörfern — drumherum sind noch heute alle anderen katholisch. Heutzutage egal, damals eben nicht – es war ein Makel zu “de Lutherische” zu gehören. Die Welt war klein, aber die (Vor-)Urteile immens.

Sie ist das zweite Kind, das erste Mädchen von sechs. Kindheit bedeutete in diesen frühen Nachkriegsjahren, dass man früh nützlich eingesetzt wurde. Geschwister hüten, mitarbeiten auf dem Feld und im Stall.

Trotzdem hatte sie einen Wunsch, der größer war als das Dorf, grösser als die Welt, die sie kannte: Sie wollte Ärztin werden.

Meinen Grosseltern fehlte es an allem, auch und v.a. an Geld. Sie konnten ihre Kinder nicht auf das 20Km entfernte Gymnasium schicken. Abitur war nicht drin. Also wurde sie nicht Ärztin.

Sie ging trotzdem weg

Meine Mutter beschloss, dass sie dennoch iherer Leidenschaft der Medizin frönen könnte, bewarb sich an einer Krankenpflegeschule, obwohl mein Grossvater strikt dagegen war und es ihr verbot. Sie ging heimlich gegen den Willen ihres Vaters und machte eine Ausbildung zur Krankenschwester. 

Heimlich. Gegen den Willen des Vaters. Das war damals für ein Mädchen echter Widerstand — kein jugendliches Lifestyle-Gefühl, sondern ein Schritt mit Risiko. Wer als Tochter gegen den Vater ging, stellte nicht nur eine Einzelentscheidung infrage, sondern ein ganzes Gefüge aus Autorität und Gehorsam.

Sie kam erst nach sechs Monaten zum ersten Mal wieder nach Hause. Weggehen bedeutete damals wirklich weg sein — kein Wochenendticket, kein Telefonkontakt, der die Distanz überbrückt.

Als sie zurückkam, war mein Großvater dankbar und erlaubte ihr die Fortführung der Ausbildung. Ich sehe darin vor allem, wie hart eine junge Frau sich damals das Recht auf den eigenen Weg erst verdienen musste. Sechs Monate Stille als Bewerbungsunterlagen für das eigene Leben.

Die Heirat machte ihr Leben nicht einfacher

Später heiratete sie meinen Vater, einen ägypter. In einem oberschwäbischen Dorf jener Jahre war das kein charmantes internationales Liebesprojekt. Es war ein weiterer Bruch — und er hatte seinen Preis im sozialen Gefüge des Dorfes, auch wenn sie dort nicht gelebt haben.

Später kehrte sie als Alleinerziehende zurück ins Heimatdorf, in dasselbe Dorf, in dem sie als Mädchen “nichts wert” war. Auch daran hätte jemand zugrunde gehen können. Sie nicht. Sie richtete sich ein, zog uns gross groß, sorgte dafür, dass mein  Bruder und ich beide aufs Gymnasium gehen konnten und arbeitete soviel, dass sie sich endlich den ersehnten Respekt in dem oberschwäbischen Dorf verdiente. Der ist ihr bis heute auch geblieben.

Streng und herzensgut — das war kein Widerspruch

Heute kann sie nicht mehr gut laufen. In meinem Kopf läuft sie noch immer: immer eine Aufgabe, immer etwas zu tun, immer weiter. Das Bild sitzt fest.

Sie war eine strenge Mutter, aber immer schon auch herzensgut, und immer war sie für mich, für uns da und ist es immer noch, mittlerweile auch für ihre Enkelinnen. Sie ist für mich mein Fels in der Brandung. 

ihre Liebe und Wärme war und ist immer echt, auch wenn sie nicht viel Aufhebens darum macht.

Beim Umgang mit Schmerz lässt sie keinen Spielraum. Schon immer. Wenn ich mir wehgetan hatte, kam kein ausgedehntes Trösten. Es kam: „Jetzt musst du halt die Zähne zusammenbeißen.“

Ihr Lebensprinzip. Man hat tapfer zu sein. Man macht weiter. Negative Gefühle trägt man nicht groß vor sich her.

Als Kind habe ich das gehasst.

Ich habe es übernommen.

Ich gebe es weiter.

Was sie nicht wirklich weiß….

Mit siebzehn hatte ich ein Moped mit 80 Kubik, eine Enduromaschine, und eine fast unverschämte Lust auf Geschwindigkeit. Das Teil war frisiert. Ich fuhr damit in einem Tempo, bei dem man im Rückblick nur denkt: Wie ist das gutgegangen.

Ich suchte dieses Gefühl von Zug, von Vorwärtsdrang, von Risiko. Vielleicht war es Freiheitsrausch, vielleicht jugendlicher Größenwahn, vermutlich beides. In dem Alter glaubt man nicht wirklich an den Einschlag, solange er nicht gekommen ist. Man hält sich für unverwundbar und die eigene Unversehrtheit für einen Naturzustand.

Meine Mutter kennt eine abgeschwächte Version davon. Nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz wahr — eher so, wie Familien manche Dinge verwalten: in einer Form, die alle aushalten können; mit der alle gut leben können.

Ich habe ihr nie die volle Geschichte erzählt. Sie würde es nicht interessiert betrachten, würde nicht neugierig fragen, was mich daran gereizt hat. Sie würde denken: Bist du wahnsinnig gewesen?

Sie hätte recht.

Aber manche Wahrheiten muss man nicht nachträglich vollständig ausleuchten, wenn sie nur noch Schrecken erzeugen und nichts mehr verändern.

Das Zweite, was ich ihr gar nicht erst erkläre

Womit ich mich selbständig mache, erkläre ich ihr nicht.

In ihrer Welt muss Arbeit sichtbar sein. Arbeit hat Schwere, einen Ort, einen unmittelbaren Nutzen. Krankenpflege. Medizin. Versorgung. Dienst. Etwas, das man tut, auch wenn man müde ist, auch wenn man keine Lust hat, auch wenn der Körper schon längst genug hat. Man ist durch diese Schwäbische Mentalität geprägt: “Schaffe, schaffe, Heisle baue.”

Was ich aufbaue, würde in ihren Augen nicht unter die richtige Arbeit fallen. 

Humbug vielleicht. Oder unnötiges Gerede für Leute, die nicht wissen, was echte Anstrengung ist. Also rede ich nicht darüber. Manche Gespräche führen nicht zu Verständigung. Sie erzeugen nur noch mehr Unverständnis und Verwirrung. Manches darf stehen bleiben.

Stärke ist kein unschuldiges Erbe

Sie hat mir beigebracht, tapfer zu sein. Nicht aufzugeben. Durchhalten. Den Kopf oben zu behalten und die Krone zu richten, auch wenn es wehtut.

Das hat mich stark gemacht.

Es hat auch bewirkt, dass ich gelernt habe, Schmerz kleinzureden. Zu funktionieren, statt nachzugeben. Mich zusammenzunehmen, wenn ich eigentlich weich werden wollte. Und das habe ich an meine Töchter weitergegeben — ohne Plan, ohne Absicht, einfach so, wie Haltungen wandern. Von Körper zu Körper, von Generation zu Generation, lange bevor irgendwer merkt, was da gerade übertragen wird.

Wir geben keine0 Sätze weiter. Wir geben Reaktionsweisen weiter. Die Art, wie man Schmerz bewertet. Die Art, wie man Gefühle behandelt. Die Art, wie man sich zusammenreißt.

Das ist wertvoll. Und es ist teuer.

Ich würde sie trotzdem nicht eintauschen

Nicht gegen eine mildere. Nicht gegen eine psychologisch geschulte. Nicht gegen eine, die jedes Gefühl sofort auffängt und jede Wunde in einen sanften Prozess verwandelt.

Meine Mutter ist die Frau, die Ärztin werden wollte und es nicht durfte. Die trotzdem aus dem Dorf ging. Die einen Ägypter heiratete, obwohl das nichts einfacher machte. Die als Alleinerziehende zurückkam und nicht kleinbeigab, die streng war und aber auch und v.a. herzensgut. Sie ist die Frau, die heute nicht mehr gut laufen kann und in meinem inneren Bild doch immer noch läuft und läuft und läuft.

Vielleicht ist mein Trotz ihr eigentliches Erbe

Die Raserei auf dem frisierten Moped. Meine Selbständigkeit. Der Wunsch, mich nicht in das zu fügen, was vorgesehen ist.

Vielleicht ist das gar nicht so weit von ihr entfernt.

Auch sie war nicht fügsam. Sie ging weg. Sie heiratete nicht nach Erwartung. Sie kam zurück, ohne um Erlaubnis zu bitten. Sie hat ihr Leben nicht nach dem ausgerichtet, was das Dorf für richtig hielt — auch nicht, als es einen hohen Preis kostete.

Ich bin ihr sehr ähnlich.

Ich habe definitiv ihre Arbeitsmoral geerbt, ihre Energie, ihren Antrieb, ihren Trotz, ihren Blick dafür, dass das Leben nicht auf jeden Befindlichkeitswunsch Rücksicht nimmt. Ihren Reflex, Schmerzen kleinzuhalten, leider auch. Und meine Töchter tragen bereits wieder etwas davon weiter. 

Wenn das meine Mutter wüsste

Sie würde den Kopf schütteln: 

  • Über das Moped. 
  • Über meine Selbständigkeit. 
  • Wahrscheinlich auch über diesen Text — zu lang, zu viel, wozu das alles.

Aber hinter diesem Kopfschütteln säße etwas, das in Familien wie unserer nie groß serviert wird: Stolz.

Kein sentimentaler. Kein ausgesprochener. Kein Stolz mit Umarmung und feuchten Augen.

Einer von der härteren Sorte — den man nicht gesagt bekommt, sondern zwischen den Zeilen liest.

Und das reicht.


dottoressa.schmidt@gmail.com

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