Was ist medizinische Grenzerfahrung?

Veröffentlicht am Kategorisiert als Grenzerfahrung, Hypnose, Romantherapie, Rund um mein Business 3 Kommentare zu Was ist medizinische Grenzerfahrung?

Es gibt Erlebnisse, nach denen man sagt: „Das hat mich geprägt.“ Und es gibt Erlebnisse, nach denen man eher sagt: „Ich bin nicht mehr dieselbe Person – aber ich kann es nicht erklären.“

Eine medizinische Grenzerfahrung gehört oft zur zweiten Kategorie.

Vielleicht war da eine Reanimation. Eine Intensivstation. Ein plötzliches „Wir müssen jetzt sofort…“. Eine Diagnose, die den Boden weggezogen hat. Eine Operation mit Komplikationen. Ein Geburtserlebnis, das nicht nur „anstrengend“, sondern existenziell war. Oder du warst Angehörige:r und hast zugesehen – und auch das kann dich an eine Grenze bringen, die man nicht einfach „wegatmet“.

Ich schreibe diesen Text als Notärztin und Palliativmedizinerin – und als jemand, der weiß: Es gibt ein „Überleben“ und es gibt ein „Wieder im Leben ankommen“. Medizin kann Leben retten. Sie kann vieles stabilisieren. Aber sie kann nicht automatisch dafür sorgen, dass du dich wieder zu Hause in dir fühlst.

Dieser Artikel ist die erste Etappe einer Reihe. Er soll dir helfen, Worte zu finden für etwas, das oft wortlos bleibt.

Was bedeutet „medizinische Grenzerfahrung“ überhaupt?

Mit „medizinischer Grenzerfahrung“ meine ich kein romantisiertes „Nahtoderlebnis, obwohl auch die Nahtoderfahrung als solches zu Grenzerfahrungen zählt. Aber es geht um einen Moment, in dem dein gesamtes System – Körper, Psyche, Nervensystem – eine sehr klare Botschaft bekommt:

Es war ernst. Es ging ums Überleben. Das hat mir Angst gemacht und „mich bis ins Mark erschüttert“ – mir den Boden unter den Füssen weggezogen.

Diese Grenze kann ganz unterschiedlich aussehen:

  • Akute Lebensgefahr: Reanimation, Schock, Atemnot, schwere Blutung, Sepsis, schwere Unfälle, sich Naturgewalten ausgesetzt sehen
  • Intensivmedizin / High-Tech-Medizin: Beatmung, Sedierung, Delir, Kontrollverlust, Geräuschkulisse, Fremdbestimmung.
  • Plötzliche Diagnosen: Krebs, neurologische Diagnosen, Autoimmunerkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall – auch dann, wenn es „glimpflich“ ausging.
  • Geburtsnahe Grenzerfahrungen: Notkaiserschnitt, massive Schmerzen, Ohnmacht, Gefahr fürs Kind, eigener Kontrollverlust.
  • Operationen und Komplikationen: Narkose, Blutungen, Wundinfektionen, postoperative Komplikationen.
  • Angehörigen-Erleben: „Ich dachte, ich verliere sie/ihn.“ Auch das ist eine Grenzerfahrung.

Wichtig ist mir dabei: Eine Grenzerfahrung definiert sich nicht nur über objektive Marker wie „Intensivstation: ja/nein“. Entscheidend ist, wie es sich innen angefühlt hat – ob dein Körper Alarm geschlagen hat objektiv gerechtfertigt oder nicht, ob du dich ausgeliefert gefühlt hast, ob da Todesangst, Kontrollverlust, Hilflosigkeit oder völlige Überforderung im Raum standen.

Darum kann eine „normale“ Narkose (es ist nicht die OP, die Angst macht sondern vielmehr die Narkose) für die eine Person medizinisch routiniert wirken – und für eine andere wie ein massiver Einbruch ins Sicherheitsgefühl: fremde Hände, Geräte, Gerüche, Geräusche, die Situation nicht steuern zu können, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert.

Umgekehrt gibt es Menschen, die nach einem objektiv einschneidenden Ereignis erstaunlich ruhig wirken – nicht, weil es „nichts“ war, sondern weil ihr System es anders verarbeitet, weil sie innerlich vielleicht schnell in eine Art Funktionieren oder Klarheit gefunden haben.

Warum ist das danach oft so verwirrend?

Es gibt also kein richtiges Maß und keinen Wettbewerb im Leid.

Du musst nichts „beweisen“, um ernst genommen zu werden. Eine Grenzerfahrung ist nicht das, was auf dem Papier steht – sondern das, was dein Inneres daraus gemacht hat. Und trotzdem gibt es eine gemeinsame Spur: Deine Körperzellen erinnern sich.
In einer Grenzerfahrung schüttet der Körper Adrenalin aus, um zu überleben. Wenn diese Alarmenergie danach nicht wirklich „abfließen“ kann, weil du in der Situation weder fliehen noch kämpfen konntest, bleibt sie wie ein Rest-Alarm gespeichert.

Darum kann die Erinnerung im Alltag hochkommen, obwohl nichts passiert: Herzklopfen, Enge, Unruhe, Schlafprobleme, Erschöpfung, Depressionen, Ängste, Panik, Essstörungen – dieses Gefühl von „Es ist wieder soweit“.

Der Körper versucht das Problem mittels Ratio anzugehen, denn Kontrolle beruhigt kurzzeitig, aber verhindert nicht die Flashbacks. Kontrolle ersetzt nicht das Gefühl: „Ich bin wirklich wieder sicher“.

Überleben ist ein neurobiologischer Zustand, keine Charakterfrage.

Im Notfallmodus laufen automatisierte Schutzprogramme ab, die keiner kognitiven Zustimmung bedürfen: Fight oder Flight, eine enge Aufmerksamkeitsfokussierung und eine Prioritätenverschiebung zugunsten unmittelbarer Homöostase.

Prozesse, die für das akute Überleben nicht essenziell sind, werden funktionell gedrosselt: Verdauung, Libido, affektive Differenzierung, soziale Feinabstimmung. Häufig kommt es zu Dissoziation/Depersonalisation oder zu einem rein instrumentellen „Funktionieren“ als kurzfristig adaptiver Schutz vor Überwältigung.

Das ist keine Schwäche, sondern physiologische Ökonomie unter Bedrohung.

Der klinisch relevante Punkt liegt im Mismatch nach dem Ereignis: Der äußere Kontext wechselt zurück in „Alltag“, während das System intern weiterhin sympathikoton bzw. defensiv organisiert bleibt. Der Organismus verharrt in Alarmbereitschaft, obwohl die Umwelt bereits Leistung, Beziehung und Normalität abruft: E-Mails, Kinder, Termine, soziale Interaktion.

Daraus entsteht die typische Diskrepanz:
Extern: „Gefahr beendet.“
Intern: „Gefahr nicht konsolidiert.“

Typische „Danach“-Phänomene

Körperlich

  • Schlafstörungen, Albträume
  • Herzrasen, Atemnotgefühl, Druck, Enge
  • erhöhte Schreckhaftigkeit, Geräuschempfindlichkeit
  • Erschöpfung (anders als Müdigkeit: „leer“)
  • Appetit – und Essstörungen, Magen-Darm-Reaktionen
  • Schmerzen

Emotional

  • Angstwellen, manchmal ohne Anlass bis hin zur Panik
  • Reizbarkeit, Wut (auch auf „falsche“ Personen)
  • Traurigkeit, plötzliches Weinen
  • innere Leere, Entfremdung, „wie hinter Glas“

Kognitiv

  • Grübeln, „Was-wäre-wenn“-Schleifen
  • Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit
  • Kontrollgedanken: „Ich muss alles überwachen“
  • Misstrauen gegenüber dem eigenen Körper

Sozial

  • Rückzug, weil alles zu viel ist
  • Schwierigkeiten, darüber zu sprechen („Die verstehen das nicht“)
  • Konflikte: andere erwarten „du bist doch wieder gesund“

Das alles kann Teil einer Stressverarbeitung sein. Manchmal klingt es in Wochen ab. Manchmal hält es länger. Und manchmal entwickelt sich daraus etwas, das therapeutische Begleitung braucht.

Dies ist kein Makel, keine Schwäche, sondern ein Signal: Das innere Ereignis war groß.

Warum verändert eine Grenzerfahrung Identität?

Viele sagen nach solchen Ereignissen:

  • „Ich kann nicht mehr so tun, als wäre ich unverwundbar.“
  • „Ich will anders leben, aber ich weiß nicht wie.“
  • „Ich habe Angst vor dem Leben, obwohl ich überlebt habe.“
  • „Das alte Leben passt nicht mehr.“

Eine medizinische Grenzerfahrung trifft dich nicht nur körperlich. Sie rüttelt an vier sehr konkreten Selbstverständlichkeiten:

Kontrolle: Du merkst: Ich kann meinen Körper nicht einfach „steuern“. Werte, Symptome, Verläufe – vieles passiert, ohne dass Wille oder Disziplin es stoppen.

Sicherheit: Gesundheit fühlt sich danach nicht mehr wie Normalzustand an, sondern wie etwas, das kippen kann. Du bist nicht dauerhaft „safe“, nur weil heute alles okay ist.

Zeit: Du siehst, wie schnell sich alles drehen kann: ein Befund, ein Anruf, ein Moment – und plötzlich ist das Leben anders. Das verändert Prioritäten, aber auch das Grundgefühl von Planbarkeit.

Sinn: Wenn es eng wird, fallen Nebensachen weg. Übrig bleibt die Frage: Was ist mir wirklich wichtig – und was habe ich bisher nur mitgeschleppt?

Diese Fragen sind nicht pathologisch. Sie sind existenziell. Und sie sind genau der Ort, an dem viele Menschen allein gelassen werden, weil es dafür keine Laborwerte gibt.

Was wäre ein guter, würdiger Umgang damit?

Nicht „positiv denken“. Nicht „jetzt erst recht“. Nicht „reiß dich zusammen“.

Sondern: anerkennen, einordnen, integrieren.

Drei Sätze, die oft entlasten:

  • „Meine Reaktion ist eine Nachwirkung, kein Zeichen von Schwäche.“
  • „Das Ereignis ist medizinisch beendet – körperlich/psychisch aber noch nicht abgeschlossen.“
  • „Rückkehr in den Alltag braucht Zeit, weil mein System erst wieder lernen muss, dass es dennoch sicher ist.“

Praktisch hilft ein Perspektivwechsel:

Das Danach ist häufig keine „Störung“, sondern eine Rekonvaleszenzphase der Stressregulation.

Nicht nur Wunden und Werte müssen sich stabilisieren, sondern auch Belastbarkeit, Vertrauen in den Körper und das eigene Selbstbild.

Und ganz praktisch: Es hilft, das Danach nicht als „Störung“, sondern als Übergangsphase zu betrachten. Wie eine innere Reha: nicht nur Muskeln, auch Bedeutung, Vertrauen, Identität.

Wie kommen Hypnose und Romantherapie hier ins Spiel?

Wenn du nach Grenzerfahrung „im Kopf alles verstehst“, aber der Körper nicht folgt, dann reicht reines Gespräch manchmal nicht aus.

Hypnose: ist ein Zustand spezieller Wachheit, ähnlich einer tiefen Meditation. Sie ist v.a. dazu da, nicht durch Ratio das Geschehen zu erklären.

Im Gegenteil kommt man in Trance an seine tiefen Emotionen und Blockaden.

Man könnte zB in Hypnose das Geschehen aus der Vogelperspektive nochmals betrachten – nicht dabei sein.

Da in diesem Zustand alles möglich ist, wäre es auch möglich, den Moment kurz vor dem Ereignis zu betrachten und womöglich gibt es etwas was sich aktiv ändern liesse, so dass es zum eigentlichen Ereignis gar nicht erst kommt oder aber man schaut, wie hätte man nach dem Ereignis reagieren können – Fliehen? Kämpfen?

Ja, beides ist nicht in unserer Wirklichkeit, aber dem vegetativen Nervensystem ist dies egal. Es kann nicht unterscheiden, ob es in unserer Wirklichkeit geschieht oder „lediglich“ in der Trance. Und da es dies – zum Glück – nicht kann, ist es möglich, Blockaden zu lösen.

Wenn einem das schon zu weit geht, weil Hypnose vielen noch unheimlich ist, ist es dennoch möglich, die physischen Reaktionen zu mindern. 

Die Trance ist zwar dieselbe, aber man kann in der Hypnose nochmal in das unangenehme Gefühl hinein spüren und dann lösen.

Romantherapie / therapeutisches Lesen kann natürlich zum einen das in der Trance erlebte zu festigen, aber auch das Geschehene weniger wichtig werden zu lassen. Wenn wir lesen, fokussiert sich, ähnlich wie in der Hypnose, v.a. unsere rechte Gehirnhälfte auf die Geschichte, die Protagonisten, auf deren Emotionen und löst deswegen auch bei uns Emotionen aus, die entweder helfen aus dem eigenen Gedankenhamsterrad herauszukommen oder durch die Protagonisten, uns Lösungswege aufzeigen. Das Werkzug lesen und verstehen geschieht in der linken Hirnhälfte, sie entspricht unserer Ratio, weshalb wir hier wissenschaftliche Texte verstehen und verarbeiten können. Aber wie schon mehrfach erklärt, hilft unserem Vegetativem die Ratio eben gerade nicht

Kurz gesagt: Du brauchst nicht nur Erklärung. Du brauchst Erleben von Sicherheit und Integration über Sinn.

Fazit

Wenn du eine medizinische Grenzerfahrung erlebt hast und dich fragst, warum du „nicht einfach froh sein kannst, es überlebt zu haben“, dann ist nichts mit dir falsch und auch Du bist nicht falsch. Du bist nicht undankbar. Du befindest dich in einem Prozess oder, was wahrscheinlicher ist, du steckst fest in deinem Vegetativum. Deine Körperzellen erinnern sich immer noch an das viele Adrenalin und daran, dass sie es immer noch nicht loswerden konnten. Das vegetative Nervensystem denkt immer noch, du befindest dich in Gefahr.

Überleben ist ein Zustand, in dem es eng wird.
Leben ist ein Zustand, in dem man wieder weit werden darf.

Zum weit werden, braucht es nicht noch mehr Leistung, sondern einen sicheren Rahmen, in dem dein System lernt: 

Es ist wirklich vorbei. Ich bin wieder im Hier und Jetzt.

Das ist der erste von 10 geplanten Artikeln :-). Wenn du neugierig auf mehr bist, darfst du dich auch unverbindlich und kostenlos bei mir melden und / oder in meinen Newsletter eintragen, der derzeit am Entstehen ist und immer am Wochenende als WochenEndMomentum erscheint.

3 Kommentare

  1. Liebe Laila,
    ich fühle mich so in deinem Artikel. Erkenne mich wieder, spüre, dass ich in einigem immer noch einen widerstand habe.
    Danke für diesen Beitrag, den ich bestimmt noch ein oder zweimal lese. Ich freue mich auf die weiteren Blogbeiträge. Newsletter-Anmeldung ist raus.
    Liebe Grüße
    Cirsten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner