Nahtoderfahrung als Selbstfindung?

Veröffentlicht am Kategorisiert als Grenzerfahrung, Persönliches 3 Kommentare zu Nahtoderfahrung als Selbstfindung?
Nahtod und Grenzerfahrung
Flatliners – Kritik Von Matthias Hopf am 28. November 2017

Kontrollierte Grenzerfahrung

Seriously?

Es ist Nacht.
Draußen herrscht eine tief dunkle Nacht, eine Dunkelheit, die man in sternenlosen Neumondnächten erlebt. Kerzenlicht flackert in einer kühlen Abtei, vielleicht einer verlassenen Kirche irgendwo in einem Stadtviertel, das tagsüber harmlos wirkt und nachts zum unheimlich verlassenen Ort wird. Hinter provisorischen Abdeckungen von Restaurationsarbeiten, zwischen Staub, Schatten und bröckelndem Mauerwerk, steht eine alte, in die Tage gekommene Krankenhausliege. Der geneigte Leser fragt sich zurecht, was die hier in der kalten Kirche macht. Tatsächlich ist sie wirklich hier im Einsatz. Daneben Gerätschaften, wie man sie in einem Schockraum erwarten würde: ein Defibrillator, Medikamente, Spritzen, Kanülen, Monitor, Kabel. Technik, die Rettung verspricht. Oder zumindest Kontrolle. Oder beides.

Und nein: Wir befinden uns hier nicht in einem Kriegslazarett.
Auch nicht in einem verlassenen Feldhospital.
Und nicht in einer besonders missglückten Theaterinszenierung über Leben und Tod.

Auf der Liege liegt ein junger Mann. Um ihn herum drei Freunde, alle vier Medizinstudierende, alle mit jenem gefährlichen Gemisch aus Intelligenz, Größenphantasie und jugendlicher Selbstüberschätzung, das besonders anfällig für Experimente an der Grenze des Zumutbaren ist. Sie wollen Erfahrungen sammeln, um bessere Ärzte zu werden. Sie wollen wissen, was hinter der Schwelle des Lebens liegt, wie viel der Mensch und auch der Arzt kontrollieren kann, wie nah man an den Tod herangehen darf, bevor aus Erkenntnishunger bloße Hybris wird. Sie glauben offenbar, dass man den Kontrollverlust beherrschbar machen kann, wenn nur genug Geräte piepsen, wenn nur genug Fachwissen im Raum steht, wenn nur genug Medizin im Spiel ist.

Dann diese Bilder.

Ein Mädchen.
Ein Gesicht, nicht bedrohlich und dennoch beängstigend unangenehm. Ein dem jungen Mann bekanntes Gesicht. Er, auf der Liege, erkennt dieses Gesicht sofort. Und mit dem Erkennen kehrt etwas zurück, was er längst vergessen glaubte. Es ist Schuld. Nicht die große, pathetisch beschworene Schuld aus Kirchenfenstern oder antiken Dramen, sondern die banale, hartnäckige, unerquickliche, kindliche Schuld, die sich jahrzehntelang irgendwo im Unterbewusstsein gehalten hat. Das Ereignis liegt dreißig Jahre zurück. Er hatte kaum noch daran gedacht, dass da einmal ein Mädchen war, das er als Kind drangsalierte, lächerlich gemacht und gequält hatte. Heute würde man sagen: gemobbt. 

Ihr erster Gedanke ist richtig: Das ist keine Wirklichkeit. Es ist eine Szene aus dem Film Flatliners – Ein guter Tag zu sterben von 1990, mit Julia Roberts, Kevin Bacon und Kiefer Sutherland in den Hauptrollen. Ein Film, den ich geliebt habe und deshalb auch öfters angeschaut habe. Vielleicht gerade deshalb, weil er mit einer Idee spielt, die seit jeher etwas zutiefst Menschliches berührt: die Versuchung, die Grenze nicht einfach hinzunehmen, sondern sie zu berühren, zu überschreiten, zu untersuchen. Nicht aus Demut, sondern aus Neugier. Nicht weil man muss, sondern weil man es kann. Damals war das fiktives Kino.
Düster, etwas überhöht, psychologisch aufgeladen, aber doch klar als Film erkennbar.

Heute ist mein Problem ein anderes.

Denn seit einigen Wochen tauchen in meinem Umfeld, in Reels, in Nischen-Newslettern, auf seltsam kuratierten Webseiten und in einschlägigen Coaching-Bubbles Begriffe auf, die man für größenwahnsinnig oder schlicht für Unsinn hält. Begriffe, die sich anhören, als habe jemand eine existenzielle Krise in Marketing-Sprache übersetzt und ihr danach noch eine sanfte Serifenschrift verpasst.

  • Transformative Grenzerfahrung
  • Bewusst induzierte Kontrollabgabe
  • Existenzielle Tiefenöffnung
  • Reset durch konfrontative Selbsterfahrung

Mein erster Gedanke weder klug noch abgeklärt: WTF?

Bitte sagt mir, dass das dies nicht wahr ist und daraus nicht längst ein Geschäftsmodell geworden ist.

Denn Schock, Kontrollverlust und existenzielle Erschütterung scheinen heute offenbar tatsächlich der nächste Markt zu sein. Erste Anbieter, so liest es sich jedenfalls, werben mit begleiteten Grenzerfahrungs-Retreats für Menschen, die „wieder etwas fühlen“ wollen. Für Menschen, die „aus der mentalen Watte zurück ins echte Leben“ finden wollen. Für Menschen, denen Achtsamkeit zu brav, Yoga zu geregelt und Breathwork womöglich schon zu alltagstauglich geworden ist. Die Frage drängt sich unwillkürlich auf: Ist das einfach nur die logische Zuspitzung unserer Erlebniskultur? Seriously?

Menschen zahlen also Geld dafür, sich an die Schwelle von Angst, Ohnmacht oder Ich-Verlust führen zu lassen. Natürlich nicht chaotisch, nicht roh, nicht wirklich gefährlich. Sondern sicher, begleitet, reguliert, ästhetisch hochwertig, mit Vorgespräch, Nachbesprechung und wahrscheinlich anschließendem Reflexionsgespräch bei Kräutertee.

Mit anderen Worten:
Grenzerfahrung als Premiumprodukt.

Angesprochen werden vor allem jene, die heute besonders zuverlässig für solche Angebote empfänglich sind: erschöpfte Leistungsträger, chronisch Überforderte, funktionierende Erschöpfte, Menschen, die äußerlich noch alles am Laufen halten und innerlich längst den Kontakt zu Lebendigkeit, Leichtigkeit und vielleicht auch zu sich selbst verloren haben. Menschen, die, wie im Burn-On so treffend beschrieben, ihr Flämmchen gerade noch am Glimmen halten, während sie längst aufgehört haben zu leuchten. Menschen, die nicht mehr zusammenbrechen, aber auch nicht mehr wirklich anwesend sind. Nicht mehr froh, nicht mehr neugierig, nicht mehr durchlässig für das eigene Leben. Hauptsache funktionsfähig.

Und genau diesen Menschen wird nun offenbar etwas Neues versprochen.
Nicht Sauna.
Nicht Waldbaden.
Nicht Yoga.
Nicht Breathwork.

Sondern die existenzielle Zuspitzung als Selbsterfahrungspaket.
Eine Stufe höher.
Eine Stufe radikaler.
Eine Stufe näher an dem, was sich nach echtem Erleben anfühlen soll.

Einige Formulierungen, die mir dabei begegnet sind, musste ich mehrfach lesen, weil mein Gehirn sich zunächst geweigert hat, sie in einen sinnvollen Zusammenhang mit der Wirklichkeit zu bringen.

Zum Beispiel diese hier:

„In einem geschützten Setting erleben die Teilnehmenden eine professionell gehaltene Annäherung an Kontrollverlust, um daraus neue Lebensklarheit zu gewinnen.“

Oder:

„Nur wer die eigene Endlichkeit emotional berührt hat, kann wieder in echte Verbindung mit sich selbst treten.“

Oder mein persönlicher Favorit:

„Nahe an der Schwelle. Sicher begleitet.“

Wahrgewordener Kinofilm?

Da gibt es Menschen, die einen Moment erlebten, in dem die Wirklichkeit auseinander gebrochen ist und nichts mehr so ist wie vorher.

Es gibt Menschen, deren Körper plötzlich nicht mehr gehorcht . Menschen, die erlebt haben, wie Zeit sich auflöst, wie Sprache zerfällt, wie das eigene Leben innerhalb von Minuten in ein Vorher und Nachher geteilt wird. Menschen, die Monate später noch nachts aufschrecken. Menschen, die mit Schlafstörungen, Panik, Flashbacks, Fremdheitsgefühlen oder dem ständigen Eindruck leben, innerlich nicht mehr ganz dort zu sein, wo sie einmal waren.

Und parallel dazu scheint sich ein Markt zu entwickeln, der genau diese Sphäre der Erschütterung in eine konsumierbare Erfahrung übersetzen will — nur ohne das Unkontrollierbare, ohne die Hilflosigkeit, ohne das Danach in all seiner unschönen Realität.

Also Grenzerfahrung,
aber bitte mit Duftkerze, Nackenkissen und beruhigender Musik.

Irgendwie typisch für unsere Zeit.
Alles muss verwertbar werden.
Alles muss transformiert werden.
Alles muss in eine Sprache passen und am Ende auch noch einen Nutzen versprechen.

Trauer bekommt ein Wording.
Erschöpfung ein Konzept.
Zusammenbruch einen neuen Namen.
Und Grenzerfahrung?
Offenbar ein Format, für das nur noch die passende Beschreibung fehlt.

Natürlich würde niemand offen sagen: „Wir verkaufen Ihnen jetzt ein Gefühl von Ohnmacht auf gehobenem Niveau.“ Stattdessen liest man von:

  • Schwellenerleben
  • Radikale Präsenz
  • Begegnungsorientierte Endlichkeitsarbeit

Hier geht es wirklich ans “Eingemachte” , was Künstliches, gezielt Hergestelltes, ästhetisch Aufbereitetes. Grenzerfahrungen halten sich bekanntlich weder an Dramaturgie noch an Design. Sie kommen ungebeten, unsortiert und meist ohne jede Rücksicht auf das Bedürfnis des Menschen, sie im Nachhinein bitte sinnvoll finden zu wollen. Sie sind nicht planbar. Nicht elegant. Nicht anschlussfähig. Sie fügen sich nicht verlässlich in eine Erzählung von Wachstum, Tiefe oder geläuterter Klarheit. Manchmal hinterlassen sie keine Erkenntnis, sondern nur Müdigkeit. Hinterlassen keine Transformation, sondern Gereiztheit. Nicht selten stellen sie keine neue Verbindung zu sich selbst, sondern bereiten im Idealfall erst einmal Verwirrung.

Dabei sollte man jedoch nicht vergessen:
Nicht jede Erfahrung will maximiert werden.
Nicht jede Erschütterung ist ein Geschenk.
Nicht jede Nähe zum Abgrund macht das Leben wahrhaftiger oder lebendiger.

Um dich nun nicht in der Verwirrung und Ratlosigkeit zurückzulassen, habe ich ein neues Angebot entworfen und freue ich mich, an dieser Stelle etwas ankündigen zu dürfen, das perfekt in unsere Zeit passt:Passend zum Text gibt es ab sofort den Postkartenblock „52 Wochen näher an der Schwelle“.

Für Menschen, denen klassische Selbstfürsorge zu harmlos geworden ist.
Mit 52 Karten zum Aufstellen, Verschenken oder stillen Verstörtsein.
Gedruckt in Zen-Farben auf Naturpapier, mit minimalistische Typografie.

Mit Sätzen wie: 

  • Nicht jede Überforderung ist eine Einladung zur Transformation
  • Der Abgrund ist kein Coaching-Tool
  • Was Sie verstört, muss nicht Ihr Wachstum sein
  • Endlichkeit ist kein Wochenendformat
  • Manche Krisen brauchen Halt, nicht Hashtags
  • Kontrollverlust ist keine Premiumerfahrung
  • Zwischen Erschütterung und Erkenntnis liegt oft erst einmal Erschöpfung
  • Nicht jede Schwelle möchte überschritten werden
  • Tiefe ist kein Duftkonzept
  • Wer nichts mehr fühlt, ist nicht automatisch verwandelt

Zum immer wieder Verwenden.
Zum meditativen Umblättern.
Zum Aufstellen neben dem Bett, auf dem Schreibtisch oder im dezent ausgeleuchteten Rückzugsraum Ihrer persönlichen Schwellenkompetenz.

Ich möchte mit Jonathan Frakes (Moderator von X-Factor: Das Unfassbare) enden und oute mich gleichzeitig als Liebhaber schlechter Movies und Serien:  

“Wahr oder nicht wahr? Bist du einer Fiktion aufgesessen? Oder fehlt tatsächlich nur noch das passende Branding? Oder liegt es vielleicht einfach daran, dass heute der 1. April ist?”

April, April.

Den Postkartenblock gibt es nicht.
Ein Retreat gibt es auch nicht.
Und der neue Trend ist hoffentlich ebenfalls nur meiner Phantasie entsprungen.

Dass der Text trotzdem für einen Moment plausibel klang, ist vielleicht die eigentliche Pointe. Leid und Grenzerfahrung eignet sich selbstverständlich nicht als Satire, aber dennoch leben wir in einer einer Zeit, in der selbst das Verstörende erstaunlich schnell in eine Sprache überführt werden kann, die so zu manipulieren versteht, dass es hochwertig und beinahe schon begehrenswert wirkt.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man beim Schreiben eines solchen Aprilscherzes nicht nur schmunzelt, sondern sich zwischendurch auch kurz dabei ertappt, ernsthaft nachsehen zu wollen, ob es so etwas nicht womöglich längst irgendwo gibt.


dottoressa.schmidt@gmail.com

3 Kommentare

  1. Liebe Laila!
    Vielen Dank für diesen Aprilscherz. Obwohl einem der Begriff Scherz etwas schwer über die Lippen kommt, gerade weil es vielleicht gar nicht so weit hergeholt ist und ich sicherlich Menschen für solche Erfahrungen melden würden.
    Ich habe den Film Flatliners auch geliebt und kenne die Serie X-Factor auch!
    Liebe Grüße
    Anke

  2. Das ist keine Fiktion, liebe Laila. Diese Szenarien werden ganz sicher schon irgendwo als Selbsterfahrung vermarktet, und in den Schamanen Ausbildungen der 90er waren solche Szenen schon da. Zwischen Grusel und Ironie sowohl marketing Gedanken als auch so einen Kalender zu platzieren ist schon richtig abgefahren. Danke fürs teilhaben lassen an diesen Abgründen, da könntest du auch einen triller draus machen. Lg Dana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner