Mein Motto für 2026: Vom Überleben zurück zum Leben

Veröffentlicht am Kategorisiert als Grenzerfahrung, Persönliches Keine Kommentare zu Mein Motto für 2026: Vom Überleben zurück zum Leben

Zum ersten Mal steht ein Jahr für mich bewusst unter einem Motto: „Vom Überleben zurück ins Leben.“
Der Satz hat sich ergeben – aus dem, was ich in den letzten Jahren gesehen und selbst erlebt habe.

Überleben ist mir vertraut. Aus der Medizin. Aus Grenzsituationen. Aus Momenten, in denen es nicht um Gestaltung geht, sondern um Stabilisierung. Um Durchhalten. Um Funktionieren. In der Notfallmedizin bei Menschen mit chronischer Erschöpfung, Depressionen, Angststörungen, Demenz oder schweren körperlichen Erkrankungen. Und auch im eigenen Alltag, wenn Anforderungen nicht enden wollen und Pausen nur dazu dienen, wieder einsatzfähig zu sein.

In diesen Situationen überlebt man. Aber man lebt kaum.

Aber welchen Unterschied macht dieses „Über-“ im Gegensatz zum Leben ohne „über“? Leben muss Sinn machen und zwar in den eigenen Augen. Leben ist gleichgesetzt mit dem guten Leben: hier haben bereits die Philosophen des Altertums eine klare Meinung: Aristoteles erkennt es als Ziel der Selbstverwirklichung, Epikur beschreibt es mit Leben als Sinn des Lebens selbst mit einem eigenen Wert und später auch Viktor Frankl, der es bekanntlich als ehemaliger KZ Häftling schwer hatte, gewinnt dem Leben Sinn ab, wenn man Werte hat und an ihnen festhält, egal wie schwer das Leben mit einem umgeht.

Das Leben in unser schnelllebigen Zeit mag aufgrund der so wichtigen Statussymbole als zunächst schön und lebenswert erscheinen, aber es fordert seinen Tribut und bringt den ein oder anderen mehr oder weniger schnell in einen Modus, der nur noch dem Überleben gilt: unter zeitlichem Druck, vollen Agenden, To-Do-Listen so lang wie die Strecke bis zum Mond, wie kann man sich hier noch selbstverwirklichen? Kann man dem ganzen noch einen Sinn abgewinnen? und was ist mit den eigenen Werten – fliessen sie hier noch ein? Wohl eher nicht. Ergo ist dies kein Leben, das man lebt.

Je länger ich mich beruflich mit medizinischen und menschlichen Grenzerfahrungen beschäftige, desto klarer wird mir dieser Unterschied. Menschen berichten selten davon, dass sie „mehr leisten“ wollen. Sie sprechen von Nähe, von Zeit, von verpassten Gesprächen und Gelegenheiten. Von Dingen, die sie aufgeschoben haben, weil anderes dringlicher war. Krankheit, psychische Krisen oder körperliche Einschränkungen zwingen diese Fragen auf. Was trägt wirklich? Was fehl? Was bleibt, wenn Überleben nicht mehr ausreicht?

Erst wenn etwas nicht mehr geht, wird sichtbar, wie sehr Leben oft auf Überleben reduziert ist. Wie selbstverständlich Daueranspannung geworden ist. Wie selten Raum bleibt für Wahrnehmung, für innere Beteiligung, für Entscheidungen, die nicht aus Druck entstehen.

In 2026 möchte ich für mich mehr leben, Spass haben und Sinn finden indem was ich mache, indem wie ich meinen Alltag gestalte, indem wie ich bewusst Ruhephasen einsetze. Nun zum ruhigen Pol schlechthin werde ich wohl niemals werden, dafür ist das Leben viel zu spannend, aber meinen Sinn finde ich sicher, in meinen drei Hauptwerten: Gelassenheit – Charisma – Kreativität

Der Zustand des Überlebens

Überleben ist evolutionär ein Ausnahmezustand. Er ist dafür gedacht, in einer akuten Gefahr kurzfristig zu schützen. Man kann sich das an einer archaischen Situation verdeutlichen: Ein früher Mensch steht plötzlich einem Säbelzahntiger gegenüber. Der Körper reagiert sofort. Herzfrequenz und Atem steigen, die Muskeln spannen sich maximal an, die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf Abstand, Fluchtweg, Angriff. Verdauung, Erholung und differenzierte Wahrnehmung treten in den Hintergrund. In diesem Moment zählt nur, die Situation zu überstehen.

Dieser Zustand ist extrem effizient – aber nur für kurze Zeit. Nach Flucht oder Kampf soll der Körper wieder herunterfahren. Puls und Atem normalisieren sich, die Muskelspannung lässt nach, die Wahrnehmung weitet sich. Erst dann beginnen Regeneration, Reparatur und Einordnung des Erlebten. Dafür ist der Überlebensmodus gemacht: für Minuten, nicht für Dauer.

Heute gibt es keinen Säbelzahntiger mehr. Die körperliche Reaktion ist dennoch dieselbe. Der Alarm wird nicht mehr durch eine einzelne akute Bedrohung ausgelöst, sondern durch anhaltende Anforderungen: Zeitdruck, Verantwortung, permanente Erreichbarkeit, hohe Entscheidungsdichte. Der Körper unterscheidet nicht zwischen physischer Gefahr und dauerhafter Belastung. Er reagiert auf beides mit Aktivierung von Adrenalin.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Dauer. Es gibt keinen klaren Moment der Entwarnung. Aufgaben enden nicht, sie folgen aufeinander. Pausen dienen der Wiederherstellung von Einsatzfähigkeit, nicht der Entspannung. Der Körper bleibt unter Spannung, auch wenn keine akute Gefahr besteht. Der Atem bleibt flach, selbst in Ruhe. Schlaf bringt weniger Erholung. Anspannung klingt nicht mehr vollständig ab.

Psychisch zeigt sich Überleben durch Anpassung. Entscheidungen werden nicht nach inneren Kriterien getroffen, sondern nach Erfordernissen. Durchhalten wird zum Wettbewerb. Abspaltung dient der Handlungsfähigkeit: Empfindungen werden zurückgestellt, Zweifel übergangen, Warnsignale ignoriert. Das ermöglicht Funktionieren, reduziert aber die innere Beteiligung.

Aus medizinischer Sicht ist dieser Zustand gut beschrieben. Chronischer Stress bedeutet eine dauerhafte Aktivierung des sympathischen Nervensystems. Stresshormone, wie Adrenalin und Cortisol bleiben erhöht, Regenerationsprozesse werden gehemmt. Schlaf verliert seine erholsame Wirkung. Das Immunsystem wird fragiler, Entzündungsprozesse nehmen zu. Der Körper passt sich an die Belastung an, weil er nicht zwischen der Gefahr bezüglich eines Säbelzahntigers und einer Dauerüberforderung unterscheiden kann.

Dieser Modus wird gesellschaftlich verstärkt. Leistung wird als persönliche Stärke gewertet. Tempo wird als Effizienz interpretiert. Grenzen werden erst überdacht, wenn sie nicht mehr existieren. Wer funktioniert, fällt nicht auf. Wer ausfällt, gilt als Problem. Pausen müssen begründet werden, Anpassung nicht.

Überleben wird dadurch zur stillschweigenden Norm. Es wird nicht benannt, sondern vorausgesetzt. Viele bewegen sich dauerhaft in diesem Zustand, ohne ihn als solchen zu erkennen, weil er alltäglich geworden ist.

Zwischen Medizin und Mensch: Grenzerfahrungen

Notfallmedizin und Palliativmedizin zeigen, was Überleben bedeutet – und wo es endet. In der Notfallsituation zählt Geschwindigkeit. Funktionen müssen gesichert, Abläufe eingehalten werden. Der Mensch wird auf das reduziert, was in diesem Moment das Weiterleben ermöglicht. Das ist notwendig. Es ist der Überlebensmodus in Reinform.

In der Palliativmedizin verschiebt sich der Blick. Hier geht es nicht mehr um maximale Intervention, sondern um Begrenzung. Um die Frage, was noch sinnvoll ist und was nicht mehr. Tempo verliert an Bedeutung. Gespräche gewinnen an Gewicht. Leben wird nicht verlängert, sondern eingeordnet.

Am Rand des Lebens zeigen sich wiederkehrende Prioritäten. Menschen sprechen selten über Leistung.

Sie sprechen über

  • Nähe
  • über verpasste Zeit
  • über Entscheidungen, die sie getroffen oder aufgeschoben haben.
  • Sie wollen weniger Maßnahmen
  • weniger Erklärungen
  • weniger Optimierung.
  • Sie wollen Ruhe, Klarheit, Anwesenheit.

Diese Erfahrungen stellen den alltäglichen Modus infrage. Das permanente Funktionieren, das Durchhalten, das Abarbeiten verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Die Frage nach Sinn stellt sich nicht theoretisch, sondern konkret: Was zählt, wenn nichts mehr geleistet werden muss?

Verantwortung verändert sich in diesen Situationen. Sie besteht nicht primär im Handeln, sondern im Dasein. Zuhören wird wichtiger als Reparieren. Nicht jede Situation verlangt nach einer Lösung. Manche verlangen nach Aufmerksamkeit und Zeit.

Diese Grenzerfahrungen markieren die Linie zwischen Überleben und Leben. Sie zeigen, dass beides nicht dasselbe ist – und dass Leben dort beginnt, wo Funktionieren endet.

Der Wendepunkt: Vom Aushalten zum Wahrnehmen

Der Wendepunkt ist häufig abrupt. In vielen Fällen zeigt er sich deutlich und belastend. Angstzustände, Phobien, Panikattacken, depressive Episoden, anhaltende Traurigkeit, BurnOn oder ein Zustand chronischer Erschöpfung ohne klaren Zusammenbruch. Hinzu kommen körperliche Veränderungen:

  • Gewichtszunahme oder -verlust
  • anhaltende Magen-Darm-Beschwerden
  • Spannungskopfschmerzen, Migräne
  • diffuse Schmerzen ohne eindeutigen Befund.
  • Diese Symptome entstehen nicht abrupt. Sie markieren den Punkt, an dem der Überlebensmodus seine Funktion verliert.

Was zuvor Anpassung ermöglicht hat, wird zur Belastung. Der Körper reagiert, weil er den Zustand dauerhafter Aktivierung nicht weiter kompensieren kann. Symptome sind in diesem Zusammenhang kein persönliches Versagen. Sie zeigen eine Grenze an. Der bisherige Modus schützt nicht mehr, er schränkt ein.

Psychisch zeigt sich das durch den Verlust von Steuerbarkeit in Bereichen, die zuvor stabil waren. Angst tritt ohne äußeren Anlass auf. Der Körper reagiert mit Alarm, obwohl keine akute Bedrohung vorliegt. Rückzug, Antriebsminderung oder emotionale Verflachung treten auf. Alltag wird möglich, aber nur noch mit hohem Aufwand.

Körperlich zeigen sich Folgen der Dauerbelastung. Verdauung reagiert empfindlich. Schlaf bleibt oberflächlich. Gewicht verändert sich unabhängig vom Essverhalten. Schmerzen treten wiederholt auf, ohne klare organische Ursache. Der Körper meldet, was lange übergangen wurde.

An diesem Punkt wird Wahrnehmung unausweichlich. Symptome lassen sich nicht dauerhaft ignorieren oder wegorganisieren. Sie erzwingen Aufmerksamkeit.

Wege zurück ins Leben

Der Übergang zurück ins Leben ist eine bewusste Entscheidung. Verpflichtungen werden auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft und möglicherweise beendet. Termine werden nur noch bedingt angenommen, es werden peu-à-peu weniger, und v.a diejenigen, deren Wichtigkeit zweifelhaft ist. Aufgaben bleiben liegen, ohne sofort ersetzt zu werden, ohne dass es schon Prokrastination wäre . Dadurch verliert der Tagesablauf an Dichte, geplant als Folge von eigene Grenzen respektieren.

Ein zentrales Merkmal ist Reduktion, sowohl im Funktionieren als auch im materiellen Sinn. Weniger äussere Reize, weniger multitaske Anforderungen, weniger Zuständigkeiten. Das wirkt sich direkt aus. Der Körper reagiert schneller auf Überlastung und fordert schneller Pausen ein. Der Schlaf bzw. die Schlafqualität verändert sich, ein – und durchschlafen wird wieder möglich – schlafen ist wieder erholsam für Körper, Geist und Seele.

Auch Entscheidungen verändern sich. Sie werden bewusster getroffen. Nicht jede Möglichkeit wird genutzt. Nicht jede Nachfrage beantwortet. Das erzeugt Reibung – im Außen und im Innen. Erwartungen werden vielleicht enttäuscht, aber das ist dann auch in Ordnung.

Körperliche Signale können wahrgenommen und ihnen entsprochen werden. Endlich hört der Mensch auf seine physischen Symptome, kann bewusst an ihnen arbeiten – auf seinen Körper hören, auf seine Intuition Acht geben – ist ein erster Weg zu einem gesunden Geist in dem einem gesunden Körper mens sana in corpore sano

So verschiebt sich der Maßstab. Nicht alles, was möglich erscheint, wird weitergeführt. Nicht alles, was begonnen wurde, muss abgeschlossen werden, und hier geht es nicht um Prokrastination, welche auch ein Zeichen der Überbelastung sein kann. Belastung wird begrenzt, nicht kompensiert.

Der Überlebensmodus bleibt verfügbar. Er wird nicht abgeschafft. Er tritt unter Druck wieder auf. Der Unterschied liegt darin, dass er nicht mehr als Dauerzustand akzeptiert wird, sondern den Ausnahmesituationen vorbehalten sein soll.

Zurück ins Leben bedeutet, den Ausnahmezustand zu beenden. Und Entscheidungen nicht länger ausschließlich am Funktionieren auszurichten.

Mein Jahresversprechen

2026 ist für mich kein Übergangsjahr. Ich lege fest, wie ich meine Zeit, und mehr noch meine Energie und meinen Fokus bewusst einsetze. Nicht alles, was möglich ist, bleibt Teil meines Alltags.

Ich beende Verpflichtungen, die nur durch Gewohnheit bestehen. Termine, deren Sinn sich mir nicht mehr erschließen, schaffen den Weg nicht mehr in meine Agenda.die ein oder andere Aufgabe entfällt ersatzlos. Mein Kalender wird leerer und damit übersichtlicher.

Auch ein weniger in materiellen Dingen, die immer im Überfluss vorhanden sind, schränke ich deutlich ein – auch sie belasten das Innen durch ein Zuviel im Aussen

Ich arbeite konzentriert, fokussiert und in begrenzten Zeitfenstern, auch nicht mehr die ständige Erreichbarkeit. Nicht alle Aktionen bedürfen eine sofortige Reaktion.

Ich achte auf klare Signal:

  • Schlaf
  • Konzentration
  • körperliche Reaktionen.

Wenn Überlastung spürbar wird, ändere ich den Rahmen. Pausen sind fest eingeplant. Sie werden nicht verschoben.

Ich teile mein Wissen, ohne mich zu verausgaben. Ich übernehme gerne Verantwortung dort, wo sie sinnvollerscheiont und erweitere sie nicht automatisch. Präsenz ersetzt Dauerverfügbarkeit.

Dieses Jahresversprechen ist überprüfbar. Es zeigt sich im Alltag, im Tempo, im Umgang mit Terminplanungen.

2026 nutze ich, um Entscheidungen umzusetzen. Mein Maßstab ist eindeutig: Ich lebe nicht im Dauerzustand der Aktivierung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert