Ist Sterben schmerzhaft?

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Ob Sterben schmerzhaft ist fragen sich die Menschen vermutlich seit tausenden von Jahren. Das ist verständlich, denn an sich schwingt hier vor allem die Angst vor dem Sterben mit. 

Der Mensch kann sich sterben nicht vorstellen. Alles, was der Mensch nicht kontrollieren kann, beeinflussen kann, macht ihm Angst–Das liegt in der Natur der Sache. Zumindest in Zivilisationen, die nicht mehr im Einklang mit der Natur leben. Bei Naturvölkern gehört sterben zum Lebenskreislauf, sterben stellt hier nur ein Ende des heutigen irischen Lebens dar und gleichzeitig den Beginn von etwas neuem.

Um dem Ganzen die Bedrohlichkeit zu nehmen, versucht man na Tod Erfahrungen zu erforschen (AWARE), Elisabeth Kübler- Ross Begleitete Menschen in ihren letzten Lebensphasen, machte sich Notizen um ihre Emotionen, Wahrnehmungen und Gedanken. Allen gemeinsam war, die Ruhe und der Frieden.

Meine eigene Erfahrung als Notärztin

In meiner Weiterbildung zum Facharzt für Anästhesie, war ich annähernd zwei Jahre auch auf einer Intensivstation tätig. Und selbst dort in einer Universitätsklinik kommt man mit der High-End-Medizin an ein Ende. 

Es ist alles, was man therapeutisch tun kann erschöpft.Das ist der Moment, wo man mit den Angehörigen bespricht dass die behandelnden Ärzte sich entschlossen haben, die Therapie zu beenden und der Natur ihren Lauf zu lassen– In den Kreislauf unterstützende Medikamente abgesetzt werden, die hochinvasive Beatmung wird beendet und stattdessen wird häufig ein morphinhaltiges Schmerzmittel verabreicht, in dem Gedanken, dass man den Patienten nicht leiden lassen möchte, da man ja nicht genau weiß ob er / sie noch ein Schmerzempfinden hat.

Viele Male habe ich das gemacht, viele Male stand ich neben dem Bett des Patienten, zusammen mit den Angehörigen und allenfalls einem Seelsorger, bis der Tod eingetreten war.

An einmal erinnere ich mich auch noch viele Jahre nach vielen Jahren: Wir standen um das Bett eines Patienten, die Pflegekraft, die Pastorin, ich, und die “noch”-Ehefrau und ihre Tochter.

Der Patient war in seinen letzten Jahren so bösartig geworden, dass Frau und Tochter ausgezogen. Jedoch, als er im Sterben lag, kamen sie auf unseren Anruf sofort, blieben im Raum, wollten sich aber dem Bett nicht nähern. Die Pfarrerin hielt die Hand des Patienten, bete mit ihm und sagte ihm, dass wir alle hier wären, um ihn auf seiner letzten Reise zu begleiten.Wenn man das Kreislauf unterstützende Medikament absetzt, geht es häufig sehr schnell mit dem Sterbeprozess. Nicht hier bei diesem Herrn. Er kämpfte geradezu gegen das Abfallen des Blutdrucks.

An einem Punkt, ging seine Frau plötzlich zu ihm hin, strich ihm über das Gesicht und sagte: “Ach Helmut, du warst doch meine große Liebe.“ Und dann geschah etwas merkwürdiges:Der Puls des Patienten sank sofort, wir konnten keinen Blutdruck mehr messen, die Atmung setzte aus und innerhalb von 2 Minuten nach Aussprechen des Satzes war der Patient verstorben.

Die Pastoren, die Pflegekraft und ich hatten alle das gleiche Gefühl – der Patient hatte auf die Vergebung durch seine Frau gewartet.Kaum hat er die Absolution erhalten, konnte er loslassen und in Frieden sterben.

Hatte er dabei Schmerzen, körperliche, mentale?

Wir wussten es nicht, aber am Schluss konnten wir den Ausdruck voller Frieden und Ruhe aus seinem Gesicht sehen.

Was weiß die Wissenschaft über das Sterben?

Zunächst kommt die so genannte finale Phase,Wenige Tage bis Stunden vor dem eigentlichen Tod. Der Stoffwechsel wird heruntergefahren, die Durchblutung der Organe reduziert.Nach und nach geben Leber, Niere, Lunge und Herz ihren Dienst auf.Stoffwechselprodukte werden immer weniger ausgeschieden und lagern sich deshalb im körpereigenen Gewebe ab, unter anderem im Gehirn, beeinträchtigen dort die Arbeit der Nervenzellen, wodurch peu-à-peu das Bewusstsein eintriübt. Der Geist wendet sich nach innen. Der Körper beginnt nur noch die wichtigsten Organe zu durchblutet, wie Gehirn und Herz – alles geht in Slow motion.

Da sterbende verspürt weder Hunger noch Durst, im Gegenteil Nahrung belastet den sterbenden Körper.Auch Flüssigkeit schadet mehr, als dass sie wohltuend ist.

Nach und nach trocknet der sterbende aus, aber dies ist wiederum auch ein Segen, denn dies führt zu einer Ausschüttung von Schmerz lindern Deng Stoffen, was die Angst vor Schmerzen unbegründet stehen lässt.

Dieser stetige Rückgang der Körperfunktionen findet sein Ende, wenn das Herz aufhört zu schlagen.Nervenzellen überstehen diesen Zustand 3-5 Minuten. Dann geben Sie keine elektrischen Impulse mehr ab und sterben ebenfalls, die Gehirnfunktionen erlischt, der Mensch ist im medizinischen Sinn tot.

Wie nehmen Sterbende das Sterben wahr?

Elisabeth Kübler – Ross versuchte schon in den sechziger Jahren, als junge Ärztin herauszufinden, was sterben ist und was sterbende beschäftigt.Sie proklamierte fünf Phasen des Sterbens, wobei diese nicht feststehend sind, nicht in Stein gemeißelt. Das bedeutet, sie müssen nicht zwangsläufig erscheinen und nicht zwangsläufig in einer festen Reihenfolge.Nach Kübler – Ross sind die fünf Sterbephasen folgende:

  • Nicht wahrhaben wollen
  • Zorn
  • Verhandeln
  • Depressionen
  • Akzeptanz

Sie beschrieb diese nach 200 Gesprächen mit Sterbenden, nachzulesen in “Interviews mit Sterbenden” (E- Kübler-Ross). Hier geht es um Menschen, die sich in einem Krankheitsprozess befanden. Das nicht-wahrhaben-wollen folgt auf den ersten Schock, wenn Menschen die Diagnose einer schweren Erkrankung mitgeteilt bekommen. Meist hoffen Betroffene auf einen Irrtum, holen sich eine zweite Meinung ein, stellen die Kompetenz von Ärzten in frage und wehren sich gegen die empfohlene Behandlung.Aber dies trifft sowohl auf Patienten, als auch auf Angehörige zu.

Die Phase der Wut und des Zorns beinhaltet das Akzeptieren der unvermeidlichen Diagnose. Es kommt zu Wutausbrüchen und der Frage „Warum ich?”. Dieser Frage kann man als behandelnder mit einer Gegenfrage begegnen:” Was hat sie glauben lassen, Dass sie das nicht trifft?”

In der dritten Phase beginnen Betroffene zu verhandeln, mit Ärzten und nicht selten mit Gott, um den Zeitpunkt des Todes zu verschieben, um Dinge noch erleben zu dürfen, die nicht verpasst werden dürfen.Eine der berühmtesten, überlieferten Verhandlungen war Martin Luther, der in ein fürchterliches Gewitter geriet, glaubte vom Blitz erschlagen zu werden und in seiner Todesangst mit Gott verhandelte ,ihm einen “Deal anbot”: Sollte er dies überleben, versprach er, Mönch zu werden.

Diese Phase ist dadurch geprägt, dass Patienten alle ihnen gebotenen Therapien und naturheilkundliche Verfahren annehmen, zuweilen auch dubiose „Therapiemethoden“ nur um ein wenig mehr Lebenszeit herausschlagen. 

Diese Phase wird von der Phase der Depression abgelöst. Die Patienten trauern um verpasste Chancen im Leben und darum, dass dieses (irdische) lebenBald endet. Sie suchen Kontakt zu Familie und Freunden, Dinge werden geregelt, besprochen, von der Seele geredet.

Letztlich in der fünften und letzten Phase ziehen sich Sterbende in sich selbst zurück und akzeptieren den nahenden Tod.

Was sagen bekannte Palliativmediziner zum Sterben?

Die zwei bekanntesten Ärzte, die sich eingehend mit Palliativmedizin und dem Sterben  im deutschsprachigen Raum befassen, sind Dres. Gian Domenico Borasio und Michael de Ridder. 

In seinem Werk “Über das Sterben” macht Borasio folgende Kernaussagen:

“Sterben ist (meist) ein Prozess des Nachlass, nicht des Leidens.” Dabei beschreibt er den schon bekannten physiologischen Prozess des schrittweisen Herunterfahren des Körpers.

Die Angst vor Schmerzen ist größer als die Schmerzen selbst, aber moderne Palliativmedizin kann Schmerzen weitgehend kontrollieren. Belastend ist vor allem die Angst vor Luftnot und Kontrollverlust. Nicht der Schmerz ist das zentrale Problem des Sterbens, sondern das Nicht-Verstehen dessen, was geschieht. 

Auch Borasio betont, der letzte Abschnitt ist geprägt von Ruhe, Patienten schlafen mehr, sind weniger wach, sie sterben nicht im akuten Erleben: 

Es ist mehr ein Einschlafen als ein Kämpfen.

M. de Ridder bestärkt diese Aussagen in seinem Werk “Wie wir sterben wollen?”. Er sagt die Angst vor dem Unbekannten im Sterben ist oftmals größer als die Realität. Die gesellschaftlichen Vorstellungen zum Sterben ist dramatisch und schmerzhaft, doch in der Realität ist es eher ruhig, langsam und wenig bis gar nicht spektakulär. Und ja es gibt sicher Phasen, aber keine so strikten wie von Kübler– Ross beschrieben, sie sind vielmehr individueller. 

Einer meiner Ausbilder in der Palliativmedizin sagte dazu: “So wie jemand gelebt hat, so stirbt er auch.”

De Ridder Betont auch, dass die Würde im Sterbeprozess nicht durch die Technik der unendlichen Möglichkeiten der modernen Medizin gegeben ist, sondern durch die Rahmenbedingungen, welche zum Beispiel die PalliativmedizinBildet wie Umgebung, Beziehung, Begleitung.

Was Sterbende am Ende ihres Lebens wirklich beschäftigt

Die australische Palliativbegleiterin und Autorin Bronnie Ware kommt zu folgender Erkenntnis: Sterbende sprechen selten über Schmerzen, auch selten über das Sterben als vielmehr über das Leben und ihr Leben im speziellen.

Oftmals bedauern sie, nicht mutig genug gewesen zu sein, um ihr eigenes Leben zu leben. Im Gegenteil, stattdessen zu viel Zeit mit arbeit vergeudet zu haben, zu wenig ihre Gefühle gegenüber den ihnen wichtigen Menschen ausgedrückt zu haben. 

Sterbende bedauern, zu wenig Kontakt zu Freunden gehalten zu haben und glücklicher gewesen zu sein. Stattdessen ließen sie sich vom starken, lauten Strom des modernen Lebens mitreißen.

Laut Ware geht es am Lebensende weniger um die eigene Körperlichkeit, sondern mehr um unerfüllte Wünsche, Beziehungen und um die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens.

Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen, Bronnie Ware. 

Zusammengefasst

Letztlich ist die Frage nach dem Schmerz im Sterbeprozess nicht das Wichtigste. Denn die meisten Menschen sterben nicht im Schmerz, sondern im allmählichen Nachlassen, leise, ruhig, oft im Schlaf.

Wichtiger scheint mir zu sein, dass es am Ende womöglich weniger darum geht, wie wir sterben, sondern vielmehr darum, wie wir leben, respektive gelebt haben.

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