„Oscar et la dame rose: Wie ein Roman das Sterben leicht macht“

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Oscar ist zehn. Er ist im Krankenhaus. Er hat Leukämie. Die Knochenmarktransplantation hat nicht angeschlagen, und seit ein paar Tagen merkt er, dass etwas anders ist. Niemand lacht mehr mit ihm wie früher. Doktor Düsseldorf, sein Arzt, schaut ihn an und schweigt. Seine Eltern besuchen ihn, können ihn aber nicht ansehen, und gehen schnell wieder. Oscar weiß, was los ist. Er hat das Spiel durchschaut, bevor die Erwachsenen es ausgesprochen haben.

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Was er darüber denkt, fasst er in einen Satz, den ich seit der ersten Lektüre nicht mehr vergesse:

Ich habe verstanden, dass ich ein schlechter Kranker bin, ein Kranker, der einem den Glauben daran nimmt, dass die Medizin etwas Tolles ist.“ (Schmitt 2003, S. 18)

Das ist Éric-Emmanuel Schmitts kleiner Roman Oscar et la dame rose in einer einzigen Zeile. Ein zehnjähriger Junge, der nicht nur stirbt, sondern sich auch noch dafür entschuldigt. Weil er merkt, dass sein Sterben die Erwachsenen kränkt. Weil er ihnen mit seiner Existenz die Geschichte zerstört, in der die Medizin immer gewinnt.

In dieses Schweigen tritt Oma Rosa hinein — eine ehrenamtliche Besucherin in rosa Kittel, eine der Dames roses, die im Pariser Krankenhaus die kranken Kinder betreuen. Sie ist alt. Sie ist nicht zart. Und sie behauptet, eine Vergangenheit zu haben, die schwer zu glauben ist: Catcherin. Profi-Wrestlerin. Bekannt unter dem Kampfnamen die Würgerin des Languedoc. Sie erzählt Oscar von ihren großen Turnieren — von der Diebischen Elster, von Madame Pipiwurst, von Riesinnen in Badeanzügen, die sie im Ring vermöbelt hat. Oscar hört zu. Er stellt sich vor, wie diese kleine alte Frau mit dem rosa Kittel zwischen den Seilen steht. Er stellt sich vor, er steht zwischen den Seilen. Er rächt sich.

Oscar bemerkt nicht, dass alles nur erfunden ist. Die Lügen geben ihm etwas, was kein Arzt ihm geben kann: einen Rahmen, in dem er kämpft, ohne dass ihm jemand einen Sieg verspricht. Oma Rosa ist weder Ärztin noch Seelsorgerin. Aber sie ist da — und sie wählt ihre Geschichten so, dass Oscar in ihnen vorkommt.

Und sie tut etwas, was niemand sonst in diesem Krankenhaus tut: sie hört zu, wenn Oscar das Wort sterben benutzt.

Ich habe den Eindruck, Oma Rosa, dass man mit Krankenhaus etwas ganz anderes meint, als was es in Wirklichkeit ist. Man tut immer so, als käme man nur ins Krankenhaus, um gesund zu werden. Dabei kommt man auch rein, um zu sterben.

Oma Rosa nickt. Und antwortet:

Wir vergessen, dass das Leben zerbrechlich ist, verletzlich und vergänglich, und tun so, als wären wir unsterblich. (Schmitt 2003, S. 18)

Schmitt braucht keine zwei Kapitel, um die zentrale Pathologie eines sterbenden Kindes im Krankenhaus zu benennen — und es ist nicht die Leukämie. Es ist das Schweigen. Was er gegen dieses Schweigen setzt, ihat nichts zu tun mit Hoffnung oder Heilung und schon gar nicht ist es ein Wunder. Nein, eine alte Dame in einem rosa Kittel, die sich nicht wegdreht, wenn ein Kind das Wort sterben benutzt — und die genug erfundene Catch-Kämpfe im Repertoire hat, um Oscar in einem dieser Kämpfe vorkommen zu lassen.

Zwölf Tage, hundert Seiten, ein ganzes Leben

Oscar et la dame rose ist kurz. Hundert Seiten, eine Lesedauer von zwei Stunden. Schmitt hat das Buch 2002 veröffentlicht, im französischen Original. Es ist seitdem in über vierzig Sprachen übersetzt und in Frankreich Schullektüre. Es gibt eine Verfilmung, ein Theaterstück, eine Hörbuchfassung mit Senta Berger. Und doch ist es eines dieser Bücher, die viele Menschen kennen, ohne sie gelesen zu haben — vermutlich, weil der Stoff Angst macht: ein Kind, das stirbt.

Die literarische Konstruktion ist einfach und genial zugleich. Oscar schreibt zwölf Briefe an Gott. Einen pro Tag, in den letzten zwölf Tagen seines Lebens. Oma Rosa, die ihm das Schreiben vorschlägt, hat ihm gesagt, jeder Tag im Krankenhaus zähle als zehn Lebensjahre. Das macht aus den zwölf Tagen ein ganzes Leben. Oscar wird in dieser Woche Teenager, Erwachsener, Ehemann, Mittfünfziger, Greis. Er heiratet Peggy Blue, ein anderes krankes Kind auf der Station. Er hat eine Ehekrise. Er macht eine Bilanz. Er stirbt — alt.

Was Schmitt damit erreicht, ist erstaunlich. Er erzählt das Sterben eines zehnjährigen Jungen, ohne pathetisch zu werden, ohne tröstend zu werden, ohne die Härte wegzuschreiben. Er erzählt es, indem er dem Kind ein ganzes Leben erfindet. Das ist eine literarische Idee, die genau auf das eingeht, was Sterbende in den letzten Tagen ohnehin oft tun: Bilanz ziehen, alte Wunden ansehen, mit dem eigenen Leben Frieden schließen — nur dass Oscar das mit einem Leben tun muss, das er nie hatte.

Und dass er es darf. Das ist die zweite Pointe dieses Buches. Im Krankenhaus, in dem Oscar liegt, lässt niemand ihn sterben. Es wird therapiert, operiert, gehofft — jedenfalls offiziell. Schmitts Roman ist eine literarische Antwort auf die Frage, die ich in meinem Artikel „10 Mythen – 10 Wahrheiten über sterben lassen“ klinisch beschrieben habe: Was geschieht eigentlich, wenn jemand sterben darf? Was wird in den letzten Tagen möglich, was vorher nicht möglich war? Schmitt zeigt es. Erst als Oscar das Sterben annehmen darf, wird die zweite Geschichte des Buches möglich — die, in der er noch ein ganzes Leben lebt.

Die Lüge, die rettet

Oma Rosas Catch-Vergangenheit ist eine Erfindung. Das wissen die Leser. Oscar ahnt es, aber all das ändert nichts.

Schmitt baut diese Lüge nicht aus Sentimentalität ein. Er baut sie ein, weil sie etwas leistet, was die medizinische Wahrheit auf Oscars Station nicht leistet. Die Ärzte schweigen. Die Eltern weichen aus. Die Diagnose wird verwaltet, nicht ausgesprochen. Oma Rosa lügt — und gibt damit als Einzige etwas Wahres: einen Rahmen, in dem Oscar nicht Patient, sondern Gegner ist. Nicht jemand, der versorgt wird, sondern jemand, der kämpft. Selbst wenn der Kampf nicht zu gewinnen ist.

Sie ist keine Ärztin und keine Therapeutin, auch keine Seelsorgerin. Sie hat keine medizinische Ausbildung, kein psychologisches Konzept, kein Wissen über Sterbephasen. Sie ist präsent und sie hat Geschichten, in denen Oscar vorkommen darf. Nicht mehr und  nicht weniger, aber mehr, als alles, was die Klinik ihm geben kann.

Wer meine BlogDekade von Anfang an gelesen hat, kennt dies. In meinem Artikel „Was ist Palliativmedizin — was ist es nicht?“ habe ich beschrieben, was passiert, wenn Medizin am Ende ihrer Möglichkeiten ist: dann beginnt nicht das Nichts, sondern eine andere Art von Arbeit. Eine Arbeit, die nicht in Milligramm pro Kilogramm gemessen wird, sondern in der Frage, wer im Zimmer bleibt, wenn die Maschinen abgestellt werden. Oma Rosa ist die literarische Verkörperung dieser anderen Arbeit. Schmitt zeigt, was sich klinisch schwer beschreiben lässt: dass die letzte Versorgung eines Sterbenden manchmal eine erfundene Catch-Karriere ist.

Was Schmitt mit Oma Rosa zeigt, ist außerdem etwas Heikles. Manchmal hilft eine bewusste Fiktion mehr als eine ausgesprochene Wahrheit. Das ist kein Argument für Lügen am Krankenbett. Das ist ein Argument dafür, dass die Wahrheit  in der Begleitung eines Sterbenden nicht nur aus medizinischen Tatsachen besteht. Sie besteht v.a. aus dem Bild, das ein Mensch noch von sich haben darf, bevor er geht.

Ein Leben im Schnelldurchlauf

Zwölf Tage. Zehn Lebensjahre pro Tag. Hundertzwanzig Jahre in einer Woche und ein paar Tagen. Es ist eine Rechnung, die niemand außer einem Kind ernst nehmen würde — und genau deshalb funktioniert sie.

Oscar nimmt Oma Rosas Vorschlag wörtlich. Er wird in den zwölf Tagen, die ihm bleiben, alles, was ein Mensch im Leben sein kann. Am dritten Tag heiratet er Peggy Blue, die im Zimmer nebenan an einer Herzerkrankung leidet. Am fünften Tag hat er die erste Ehekrise, als Mittfünfziger beginnt er, das Leben anders zu sehen. Am elften Tag ist er ein alter Mann, der nichts mehr braucht außer Ruhe. Es ist nicht possenhaft, wie Schmitt das schreibt. 

Dies ist Lebensführung im Schnelldurchlauf. Er trifft Entscheidungen, er versöhnt sich, er ärgert sich, er liebt, er enttäuscht, er macht Bilanz. Oscar wird in diesen Tagen schwächer, der Körper verfällt, die Medikamente helfen nicht. Die Briefe an Gott werden kürzer. Aber das, was Oscar als Leben erlebt, verdichtet sich und findet sein Finale.

Was Schmitt mit Oscars zwölf Tagen literarisch erfindet, geschieht klinisch tatsächlich: Mary, die ich in meinem letzten Artikel über Sterbebettvisionen beschrieben habe, wiegte in ihren letzten Tagen ein Baby im Arm, das sie Danny nannte — den Sohn, den sie als Totgeburt verloren und ihr Leben lang verschwiegen hatte. Vierzig Jahre nicht ausgesprochene Trauer, in einem Moment am Ende noch einmal gehalten. 

Das ist Oscars zwölfter Tag, ohne literarische Verkleidung. Schmitt schreibt im Roman, was Hospizärzte wie Christopher Kerr in Tausenden Fällen dokumentiert haben: dass das Sterben oft nicht nur ein Abbrechen ist, sondern auch ein letztes Aufräumen. Oscar tut, was Sterbende ohnehin tun. Schmitt gibt ihm nur das Vokabular dafür.

„Ich will nicht mehr“ — die Wahrheit, die niemand sagt

Oscars Eltern können nicht hereinkommen. Sie kommen ins Krankenhaus, sie stehen vor der Tür, sie weichen aus. Wenn sie das Zimmer betreten, ist es kurz und höflich. Sie reden über das Wetter, über den Schulstoff, den Oscar gerade braucht. Sie reden nicht darüber, was los ist. Oscar sieht das. Oscar weiß, was es bedeutet. Er ist zehn, aber nicht dumm.

Das Buch macht diese Konstellation zum eigentlichen Schmerz seiner letzten Tage. Nicht die Leukämie, nicht die Übelkeit, nicht die Schmerzen. Sondern dieses Schweigen, das aus Liebe gemacht ist und genau deshalb so weh tut. Die Eltern schweigen, weil sie Oscar schonen wollen. Oscar schweigt, weil er die Eltern schonen will. So entsteht eine doppelte Schonung, in der niemand mehr da ist.

In meinem Artikel „Ich will nicht mehr“: 8 Gedanken am Lebensende habe ich das aus klinischer Sicht beschrieben. Sterbende sagen Sätze, die ihre Umgebung nicht hören will — und werden dann mit Sätzen beruhigt, die nichts beruhigen. „Es wird schon wieder.“ „Du musst nicht aufgeben.“ „Wir kämpfen weiter.“

Oscar schreibt deshalb an Gott. Nicht aus Glauben — er sagt im ersten Brief, dass er nicht an Gott glaubt. Sondern weil Gott der einzige ist, der nicht weggeht.

Oma Rosa weicht auch nicht aus. Sie hört zu, wenn Oscar das Wort sterben benutzt. Sie nickt, wenn er sagt, dass er Angst hat. Sie schickt ihn nicht in die Hoffnung zurück. Sie hat weniger zu verlieren als die Eltern. Vielleicht ist das, was Schmitt am leisesten sagt, gerade deshalb das Härteste an seinem Buch: Wer am meisten liebt, kann am wenigsten zuhören.

Was am Ende bleibt — und das Schild auf dem Nachttisch

Am zwölften Tag schreibt Oscar nicht mehr. Sein letzter Brief an Gott bleibt im Buch unausgeschrieben. Stattdessen legt er ein Schild auf den Nachttisch seines Krankenhauszimmers, mit fünf Wörtern darauf:

Nur Gott darf mich wecken.

Oma Rosa findet ihn am nächsten Morgen. Sie weckt ihn nicht.

Das Schild ist nicht religiös. Oscar hat im ersten Brief klar gesagt, dass er nicht an Gott glaubt. Es ist auch keine Bitte um ein Wunder. Es ist eine Anweisung. Ein zehnjähriger Junge, der zwölf Tage lang ein ganzes Leben gelebt hat, nimmt sein Sterben in die eigene Hand — mit dem einzigen Mittel, das ihm bleibt: einem Stift, einem Stück Papier, einer Tisch.

Viktor Frankl, den ich in dieser Reihe mehrfach zitiert habe, hat es so formuliert:

Dem Menschen kann man alles nehmen, nur nicht die letzte der menschlichen Freiheiten — sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so zu stellen.

Oscar wählt seine Einstellung. Er wählt, dass jetzt Schluss ist. Er wählt, dass das niemand mehr übergehen darf — nicht die Ärzte, nicht die Eltern, nicht einmal Oma Rosa, die ihm das Ganze mit ihren Catch-Geschichten überhaupt erst ermöglicht hat. Das Schild macht aus dem zehnjährigen Sterbenskranken einen Menschen, der selbständig entscheidet.

Diese BlogDekade begann mit der Frage, was medizinische Grenzerfahrung ist. Sie ging weiter über Überlebensschuld, Sterbenlassen, das „Ich will nicht mehr“, Palliativmedizin, Delir, Schmerz, Ernährung am Lebensende und zuletzt Sterbebettvisionen. Neun Artikel, in denen ich versucht habe, das Sterben aus klinischer Sicht so genau wie möglich zu beschreiben — was es ist, was es nicht ist, was Sterbende erleben, was Angehörige tun können. Wer alle neun gelesen hat, weiß medizinisch nun eine ganze Menge.

Und jetzt steht am Ende dieser Reihe ein zehnjähriger französischer Junge, der nichts davon weiß — und der mit fünf Wörtern auf einem Stück Papier mehr sagt als jeder einzelne der vorhergehenden Artikel zusammen. Vielleicht ist genau das die Pointe dieser Dekade: Dass das Sterben sich nie ganz erklären lässt. Dass die Medizin es beschreiben kann, aber nicht erschöpfen. Dass am Ende, wenn alles gesagt ist, noch ein Mensch übrig bleibt, der selbst entscheidet, wann er einschläft.

Oscar et la dame rose ist das Buch für Menschen mit Diagnose, für Angehörige, für Ärzte & Pflegekräfte, für mich selbst, wenn ich das Sterben wieder einmal erklären will, statt es (einfach) geschehen zu lassen. Schmitt erinnert mich daran, dass eine gute Bibliotherapie nicht erklärt. Sie hält ein Buch hin und sagt: Lies das. Dann reden wir.

Und manchmal, an den besten Tagen, sagt sie nicht einmal das, sondern hängt nur ein Schild an die Tür.

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