Die 70-jährige Mary, Malerin und vierfache Mutter, war eine meiner ersten Hospiz Patienten. Als ich sie in ihrem Zimmer besuchte, hatte sich die “ganze Rasselbande”, wie sie ihre Verwandtschaft nannte, bei einer Flasche Wein um ihr Bett versammelt.Auch wenn sie hin und wieder weg dämmerte, schien Mary das zwangloses Familientreffen doch sehr zu genießen. Und dann geschah etwas merkwürdiges: aus heiterem Himmel begann sie, ein nur für sie sichtbares Baby im Arm zu wiegen. Wie sie so da lag, in ihrem Krankenhausbett, wirkte es, als spiele sie eine Rolle in einem Bühnenstück und hätte jeglichen Kontakt mit dem Hier und Jetzt verloren. Sie küsste den imaginären Säugling, den sie Danny nannte, streichelte ihm übers Köpfchen und flüsterte ihm zärtliche Worte zu.Was mich jedoch am meisten verblüffte, war die schiere Glückseligkeit, mit der dieser für uns unbegreiflichen Augenblick mütterlicher Zuwendung, Mary erfüllte. Ihre Söhne und Töchter schauten mich an und fragten: “Was ist denn da los? Hat Mutter etwa Hallus? Die hängen bestimmt mit den Medikamenten zusammen, die sie bekommt, oder”
Als Maries Schwester am nächsten Tag aus der Stadt zu Besuch kam, konnte sie das Rätsel lösen, vor dem wir standen: lange bevor ihr erstes Kind auf die Welt kam, hatte Mary eine Totgeburt gehabt, einen Jungen, den sie Danni nannte. Ihre Trauer um den Verlust war unermesslich, da sie aber nie darüber sprach, hatten ihre anderen vier Kinder nie von Danny erfahren. Doch in diesem Moment, in dem ihr Tod unmittelbar bevorstand, schien sich etwas in Mary so an das Erlebnis jener Geburt zu erinnern, dass es sie mit Wärme und Liebe erfüllte und sie nach all der Zeit vielleicht sogar ein wenig für ihren schweren Verlust entschädigte. An der Schwelle zum Tod konnte sie sich mit dem Trauma versöhnen. (Kerr & Mardorossian 2020, S. 26–27).
Was ist das Sterbebettphänomen?
In der Fachliteratur, soweit es sie gibt, hat dieses Phänomen mehrere Namen. Im Deutschen spricht man von Sterbebettphänomen oder Sterbebettvision. Im Englischen, wo seit etwa zwanzig Jahren systematischer geforscht wird, hat sich der Begriff End-of-Life Experiences durchgesetzt, abgekürzt ELE. Manche Autoren verwenden auch Nearing Death Awareness — das Gewahrsein in Todesnähe. Verschiedene Begriffe für ein und dasselbe Geschehen: Wahrnehmungen, die Menschen in den letzten Stunden, Tagen oder Wochen vor dem Tod machen — und die sich von dem unterscheiden, was wir Wachen sehen (Jeanette Richter).
Was genau wird wahrgenommen? Die Bandbreite ist groß, aber die Kernmotive wiederholen sich quer durch Kulturen, Religionen und Patientenbiografien.
Bereits Verstorbene erscheinen. Meistens Eltern, Partner, Geschwister, manchmal verstorbene Kinder oder Freunde, gelegentlich auch Tiere — der Hund aus der Kindheit, die Katze, die jahrelang am Bett geschlafen hat. Selten Lebende. Das ist klinisch ein wichtiger Punkt: Wenn Sterbende einfach nur halluzinierten, was sie gerade vermissen, müssten viel öfter Lebende auftauchen — Kinder, Enkel, der gerade abwesende Partner. Das tun sie aber nicht. Es kommen die Toten.
Reisemetaphern. Patienten sagen Sätze wie „Ich muss noch packen“, „Wann fährt der Zug?“, „Ich habe noch kein Ticket“, „Mach bitte die Tür auf“ — auch wenn an der angezeigten Wand keine Tür ist. Solche Sätze werden im Stationsalltag oft als Verwirrtheit eingeordnet. Bei näherem Hinsehen sind sie etwas anderes: eine erstaunlich präzise symbolische Sprache für das, was bevorsteht.
Orte und Landschaften. Manche Patienten beschreiben Räume, Gärten, Wege, Licht. Selten religiös eingefärbt — auch bei nicht-religiösen Menschen tauchen sie auf.
Szenen aus der eigenen Biografie. Wie bei Mary mit dem Säugling Danny. Eine alte Wunde, eine ungelöste Trauer, ein verdrängter Verlust kommt noch einmal hoch — und wird im Sterben fast wie nachgeholt.
Begegnungen, die etwas mitteilen. Eine verstorbene Mutter sagt: „Ich warte auf dich.“ Ein verstorbener Mann winkt. Eine Großmutter sagt: „Es ist gut, du musst keine Angst mehr haben.“ Sehr oft hat das, was die Erscheinung sagt oder tut, eine klare Funktion: sie tröstet, sie holt ab, sie erlaubt loszulassen. (Christopher Kerr & Peter Fenwick)
Wann tritt das Phänomen auf?
Margarete Reisinger, eine Schweizer Pflegefachfrau, die ihre Masterarbeit zum Sterbebettphänomen geschrieben hat, beobachtet: meistens innerhalb der letzten 24 Stunden vor dem Tod. Aber es kann auch deutlich früher beginnen — eine Woche, manchmal mehrere Wochen vor dem Tod. Christopher Kerr, Hospizarzt in Buffalo und einer der wichtigsten Forscher zum Thema, beschreibt eine Art Verlaufslogik: erste Erlebnisse oft noch unruhig, manchmal angstbesetzt, mit alten unverarbeiteten Themen. Spätere Erlebnisse werden ruhiger, getragener, friedlicher. Als ob die Psyche in den letzten Tagen eine Bilanz zieht — und sich dabei langsam versöhnt.
Wie häufig ist es?
Das ist die Zahl, die viele Mediziner zum ersten Mal erstaunt: Kerrs Forschungsteam hat über zehn Jahre mehr als 1.400 Hospizpatienten systematisch befragt. Über 80 Prozent berichteten von solchen Erfahrungen. Andere Studien — britische, deutsche, amerikanische, indische — kommen auf vergleichbare Größenordnungen. Das Sterbebettphänomen ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Dass die meisten von uns trotzdem zum ersten Mal davon hören, hat mehrere Gründe. Patienten erzählen oft nicht von selbst — sie haben Angst, für verwirrt erklärt zu werden, ausgelacht oder ruhig gestellt zu werden. Pflegekräfte und Ärzte erzählen ebenfalls selten — weil das Vokabular fehlt, weil es nicht in der Ausbildung vorkam, weil das Wort „esoterisch“ schnell im Raum steht. So wird ein häufiges, oft tröstliches Phänomen zu etwas, das es offiziell kaum gibt — und das viele Familien, die es zu Hause oder am Krankenbett erleben, allein verarbeiten müssen.
Was es nicht ist
Genauso wichtig wie die Beschreibung dessen, was das Sterbebettphänomen ist, ist die Abgrenzung von dem, was es nicht ist. Vor allem nicht: ein Delir. Beides kann sich am Ende des Lebens zeigen, beides geht mit Wahrnehmungen einher, die Außenstehende nicht teilen — aber klinisch sind es zwei unterschiedliche Geschehen, mit unterschiedlichen Konsequenzen. Und zuweilen können sich beide Phänomene abwechseln, so dass es für die Umstehenden noch schwieriger ist, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Wichtige Unterscheidung zum Delir
Es gibt einen Reflex in der Medizin, der sich nicht abstellen lässt, wenn man ihn nicht kennt. Sobald ein Patient etwas wahrnimmt, was niemand sonst wahrnimmt, “ploppt” im Kopf der Behandelnden und Angehörigen ein Begriff auf: Delir. Verwirrt, hospitalisiert, eventuell exsikkiert, eventuell überdosiert, jedenfalls — behandelbar.
Ein Delir ist eine Bewusstseinsstörung. Der Patient ist desorientiert, die Aufmerksamkeit fluktuiert, die Wahrnehmungen sind oft fragmentarisch und meistens bedrohlich. Wer ein Delir hat, ist agitiert, ängstlich, manchmal aggressiv. Die Inhalte der Halluzinationen ergeben selten Sinn. Es gibt fast immer eine somatische Ursache — Infekt, Elektrolyte, Opiate, Sauerstoffmangel, Entzug. Ein Delir gehört sofort behandelt.
Das Sterbebettphänomen sieht klinisch ganz anders aus. Der Patient ist klar — manchmal sogar klarer als in den Wochen zuvor; interessanterweise auch diejenigen Menschen, die an Demenz leiden. Die Wahrnehmungen sind kohärent: ein Gesicht, ein Name, eine Geste. Der Inhalt ist (fast) nie bedrohlich. Frau Müller, die Heinz an der Zimmerdecke sieht, ist nicht aufgeregt. Sie ist konzentriert. Mary, die Danny im Arm wiegt, ist nicht agitiert. Sie strahlt. Wer nach so einem Erlebnis spricht, spricht oft ruhiger als vorher. Die Erleichterung, die danach im Raum entsteht, würde kein Beruhigungsmittel auslösen können.
Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie hat Konsequenzen am Bett. Wer ein Sterbebettphänomen für ein Delir hält, gibt Medikamente, die ein zartes, oft tröstendes Geschehen abwürgen. Es ist eine kleine, leise Form von Gewalt — nicht aus bösem Willen, sondern aus gut gemeintem Handeln heraus.
Die Medizin tut, was sie kann. Manchmal liegt darin gerade ihr Versagen. Sie nimmt dem Sterbenden in den letzten Stunden noch einmal das, was er hatte: einen friedlichen, klaren Blick auf jemanden, den außer ihm niemand sah.
Mögliche medizinische Erklärungen — und ihre Grenzen
Die Medizin ist gut darin, Phänomene zu erklären, die sich messen lassen. Beim Sterbebettphänomen versucht sie es auch. Vier Erklärungsmodelle stehen meist im Raum.
Sauerstoffmangel. Das sterbende Gehirn ist hypoxisch, und Hypoxie kann Halluzinationen erzeugen. Das ist richtig. Es erklärt allerdings nicht, warum die Bilder kohärent sind, warum sie fast immer Tote zeigen, warum sie tröstend wirken. Sauerstoffmangel produziert Chaos, nicht eine verstorbene Mutter, die ruhig am Fußende steht.
Endogenes DMT. Die These, das sterbende Gehirn schütte ein körpereigenes Halluzinogen aus, ist faszinierend und kursiert seit Jahren. Belege dafür sind dünn. Eine Substanz, die Heinz an die Zimmerdecke malt — und nur ihn, nur an diese Decke, nur für Frau Müller — wäre eine sehr eigenartige Substanz.
Temporallappen-Aktivität. Reizungen in dieser Hirnregion können visuelle und auditive Wahrnehmungen auslösen. Auch das ist richtig. Aber temporallappen-bedingte Halluzinationen sind selten narrativ. Sie haben keine Handlung. Mary, die Danny im Arm wiegt, ihn küsst, ihm zuflüstert — das ist eine Szene, weniger ein Reiz oder gar ein Reflex .
Medikamente. Opiate, Benzodiazepine, anticholinerge Substanzen. Sie können Wahrnehmungen verändern. Aber Sterbebettphänomene treten auch bei Patienten ohne diese Medikation auf. Und sie unterscheiden sich klinisch klar von Medikamentenhalluzinationen, wie ich im vorigen Kapitel beschrieben habe.
Jede dieser Erklärungen erklärt einen Teil. Keine erklärt das Ganze. Vielleicht ist das nicht das Versagen der Medizin. Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass wir einem Phänomen gegenüberstehen, dessen Form sich der Messung entzieht — ohne deshalb weniger wirklich zu sein.
Wie Angehörige reagieren sollten
Was am Sterbebett geschieht, hängt selten von medizinischen Maßnahmen ab. Es hängt davon ab, wie die Menschen im Raum mit dem umgehen, was der Sterbende sagt. Drei Reaktionen sind häufig — und nur eine davon ist hilfreich.
Die Korrektur. „Da ist niemand, Mama.“ „Du siehst das nur.“ „Papa ist seit Jahren tot, das weißt du doch.“ Sie ist die häufigste Reaktion, weil sie der Reflex der Liebe ist: zurückholen, festhalten, beruhigen. Tatsächlich nimmt sie dem Sterbenden in seinen letzten Stunden noch einmal etwas weg — das, was ihn gerade trägt.
Die Romantisierung. „Wie schön, jetzt holt sie dich ab!“ Auch sie ist gut gemeint und auch sie kann Schaden anrichten. Sie deutet, was sich nicht deuten lässt, sie überfrachtet einen leisen Moment mit Bedeutung, und sie zwingt den Sterbenden, das Erlebnis zu bestätigen, das er selbst vielleicht noch gar nicht eingeordnet hat.
Das stille Mitgehen. Die einzige Reaktion, die immer angemessen ist. Sie braucht nur drei Werkzeuge: Fragen, Schweigen, Da-sein. „Wer ist da?“ „Was sagt sie dir?“ „Wie geht es dir damit?“ Mehr nicht. Keine Erklärung, keine Beruhigung, keine Korrektur. Wer so fragt, signalisiert: Ich nehme dich ernst. Ich räume dir den Raum, in dem du gerade bist, nicht weg.
Eine kleine Frage hilft, klinisch zu sortieren — und bleibt trotzdem menschlich: „Beunruhigt es dich, oder beruhigt es dich?“ Beunruhigt es: dann hole Hilfe, dann muss vielleicht etwas behandelt werden. Beruhigt es: dann ist deine Aufgabe, neben dem Bett sitzen zu bleiben und nicht zu stören.
Was das Sterbebettphänomen mit Würde zu tun hat
Würde am Lebensende ist ein Wort, das oft fällt — und nicht selten versteht jedermann etwas anderes darunter. Häufig steht es für Schmerzfreiheit, Symptomkontrolle, höfliches Personal. Das ist schon richtig und gut, aber nicht alles.
Würde im engeren Sinn heißt: Der Sterbende bleibt v.a ein Mensch. Nicht nur ein Patient, nicht nur ein Pflegefall, nicht nur ein Bett auf der Station — ein Mensch, der wahrnimmt, der spricht, der eine eigene Wirklichkeit hat — nicht nur jemand, der versorgt wird. Wer Frau Müller fragt, ob da oben in der Ecke jemand ist, behandelt sie als Mensch. Wer ihr Heinz wegerklärt, behandelt sie als Patientin.
Der Unterschied klingt gering. Er ist nicht gering. Er entscheidet darüber, ob ein Mensch als solcher mit all seinen Facetten stirbt oder in ihm nur der sterbende Patient gesehen wird, an dem die Medizin “versagt” hat.
Viktor Frankl hat dafür einen Satz formuliert, den ich an anderer Stelle schon zitiert habe: „Dem Menschen kann man alles nehmen, nur nicht die letzte der menschlichen Freiheiten — sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so zu stellen, seine eigene Einstellung zu wählen.“ Diese letzte Freiheit ist auch die Freiheit, die eigene Sterbewahrnehmung behalten zu dürfen. Auch dann, wenn niemand sie teilt. Auch dann, wenn die Medizin sie für irrelevant hält.
Was bleibt
Am Ende dieses Artikels bin ich nicht klüger als am Anfang. Niemand, der ehrlich über das Sterbebettphänomen schreibt, kann sagen, was es ist. Wir können nur sagen: dass es geschieht. Wem es geschieht. Was Sterbende dabei beschreiben. Wie Angehörige es erleben. Wie es klinisch aussieht.
Mary, die Danny im Arm wiegt. Frau Müller, die Heinz an der Decke sieht. Der Mann, der drei unsichtbaren Gestalten die Hand schüttelt. Das sind keine Beweise für ein Jenseits. Sie sind auch keine Beweise gegen eines. Sie sind Beobachtungen — und Beobachtungen verdienen, ernst genommen zu werden, bevor man sie deutet.
Und mir stellt sich die Frage: muss man immer für alles eine plausible Antwort finden?
Was Mary in ihren letzten Tagen erlebte, hat sie offenbar mit einem alten Trauma versöhnt. Ob „in Wirklichkeit“ Danny da war oder nicht, ob die Psyche ein letztes Bild gemalt hat oder etwas anderes ist letztlich doch egal.
Wichtig ist nur, wäre ich neben dem Bett sitzen geblieben, ohne sie zu stören?
An den meisten Tagen vermutlich schon. An manchen vielleicht nicht.
Im nächsten Beitrag schließe ich diese Dekade — diesmal mit einem Buch. Éric-Emmanuel Schmitts Oscar et la dame rose ist die literarischste Form dessen, worum es in den vorherigen Artikeln klinisch ging: einmal noch tief abtauchen, den Atem anhalten für ein ganzes Leben, und mit einem anderen Menschen an der Sicherungsleine.
