„Wir wollen doch nicht, dass er einfach stirbt.“
Wenn so ein Satz durch Angehörige fällt, spürt man die Angst und die Liebe, die darin stecken. Niemand will zusehen, wie ein Mensch verschwindet. Aber manchmal kommt der Moment, in dem Kämpfen nichts mehr verändert – nur verlängert, was längst Abschied ist.
„Sterben lassen“ klingt hart, fast herzlos. In Wahrheit kann es ein Akt des Mitgefühls sein: loszulassen, wenn das Leben selbst müde wird. Es ist kein Aufgeben, sondern die Anerkennung, dass Fürsorge viele Formen hat – auch die des Friedens.
In Momenten, in denen alles auf der Kippe steht, entscheiden wir nicht zwischen „retten“ und „aufgeben“. Wir fragen: Was hilft noch – und was richtet nur Schaden an?
Man balanciert zwischen Hoffnung und Realität, zwischen medizinischer Möglichkeit und menschlichem Maß. Zwischen dem Bedürfnis, etwas zu tun, und dem Mut, auch einmal loszulassen – vor allem, wenn der Patient es so will. Bei solchen Entscheidungen, die Klar vom Behandlungsteam getroffen werden entstehen bei den Angehörigen oft falsche Bilder, welche die Angehörigen vielleicht in einer Schuld zurücklassen.
Hier sollen diese Bilder und Begriffe richtig gestellt werden: 10 Mythen – und was tatsächlich stimmt
Mythos 1: „Therapie begrenzen heißt aufgeben.“
Realität: Therapie zu begrenzen heißt nicht, einen Menschen fallen zu lassen, sondern das Ziel neu zu definieren: Wollen wir noch heilen, Zeit gewinnen, stabilisieren – oder Leid verringern? Statt Fürsorge zu beenden, beenden wir Übertherapie: Maßnahmen, die technisch möglich sind, aber dem Patienten medizinisch nichts mehr bringen und ethisch fragwürdig werden/sind. Oft ist genau dieser Moment der Punkt, an dem Medizin wieder klar wird: Was hilft diesem Menschen noch – und was verlängert nur sein Sterben?
Mythos 2: „Wenn wir nicht alles tun, lassen wir ihn aktiv sterben.“
Realität: „Sterben lassen“ klingt, als würde jemand bewusst nichts tun – in Wahrheit ist es meist ein Urteil, kein medizinischer Begriff. Fachlich geht es um drei Fragen: Ist die Maßnahme sinnvoll? Ist sie gewollt? Ist sie verhältnismäßig? Wenn eine Intervention keinen realistischen Nutzen mehr hat, ist Nicht-Eskalation kein Wegschauen, sondern verantwortliches Handeln: Sie schützt vor Leid, das wir sonst selbst erzeugen würden – und öffnet den Raum für eine andere Form von Aktivität: Symptome lindern, begleiten, entlasten.
Mythos 3: „Wir als Angehörige müssen jetzt über Leben und Tod entscheiden.“
Realität: Viele Angehörige haben das Gefühl, sie müssten an diesem Punkt „Ja“ oder „Nein“ zum Weiterleben sagen – und müssten dann eine unzumutbare Last tragen. In Wahrheit entscheiden sie nicht über Leben und Tod, sondern bringen ein, was sie über Werte, Wünsche und Ängste des Patienten wissen: Was hätte er gewollt, wovor hatte er Angst, was wäre für ihn nicht akzeptabel gewesen? Die medizinische Verantwortung, auch und vor allem zur Therapieminimierung – was sinnvoll, indiziert und verhältnismäßig ist – liegt beim Behandlungsteam. Wenn das klar ausgesprochen wird, wird aus einer scheinbar einsamen Entscheidung ein gemeinsamer Prozess, der weniger wie Schuld und mehr wie Fürsorge aussieht.
Mythos 4: „Beenden einer Maßnahme ist wie töten.“
Realität: Töten heißt, aktiv den Tod zu verursachen, gegen den erklärten Willen eines Menschen. Dies ist eine aktive Massnahme zur Herbeiführen des Todes, zB durch Verabreichung eines tödlichen Mittels nach eigener Mutmassung (Kutschend 2021: 269). Eine Therapie zu beenden heißt, eine Maßnahme zu stoppen, die nicht mehr sinnvoll oder vom Patienten nicht gewollt ist – und den natürlichen Verlauf des Krankheitsprozesses nicht länger aufzuhalten. Der Unterschied liegt in Absicht und Ursache: Wir beenden nicht das Leben, sondern eine Technik, deren Hauptwirkung längst nicht mehr „retten“, sondern „verlängern von Leid“ darstellt.
Mythos 5: „Ohne Intensivmedizin stirbt man automatisch qualvoll.“
Realität: Qual ist kein Automatismus – sie ist behandelbar. Atemnot, Angst, Schmerz und Unruhe lassen sich palliativ aktiv behandeln, oft sogar besser, wenn man die Eskalationsspirale aus Schläuchen, Alarmen und Überforderung durchbricht. „Nicht intubieren“ (Einführung eines Atemschlauches in die Luftröhre) kann heißen: Wir kümmern uns sehr gezielt um die Luftnot, geben Medikamente gegen Atemnot und Angst – verzichten aber auf einen Eingriff, der wahrscheinlich in lange Beatmung, Delir und Abhängigkeit von Geräten mündet. Ziel ist nicht ein schneller Tod, sondern weniger Leid bei so viel Würde wie möglich.
Mythos 6: „Palliativ heißt: nichts mehr machen.“
Realität: Palliativmedizin bedeutet im Gegenteil: mehr tun – nur an anderer Stelle. Mehr Symptomkontrolle, mehr Ruhe, mehr Gespräch, mehr Schutz vor Überforderung, mehr Blick auf Schlaf, Hunger, Atemnot, Angst und die Erschöpfung des Patienten und der Angehörigen. Der Fokus verschiebt sich: weg von Zahlen auf dem Monitor, hin zu dem, was der Mensch wirklich spürt. Das ist keine „Nicht-Medizin“, sondern hochaktive Medizin – nur mit einem anderen Fokus: weniger Laborwerte, mehr Lebensqualität. Was Palliativmedizin definitiv NICHT bedeutet: nur dasitzen und die Hand des Patienten halten.
Mythos 7: „Der Patient hat ein Recht auf jede Therapie.“
Realität: Menschen haben ein Recht auf Behandlung – aber nicht auf jede Maßnahme, die technisch machbar ist. Jede Therapie braucht eine sinnvolle Indikation und muss zum Ziel des Patienten passen, sonst entsteht „Therapie um der Therapie willen“. „Wir können“ heißt nicht automatisch „wir sollten“: Nur weil etwas verfügbar ist, wird es noch nicht richtig. Gute Medizin zieht Grenzen – nicht gegen den Menschen, sondern zu seinem Schutz.
Mythos 8: „Reanimation ist ja immer einen Versuch wert.“
Realität: Reanimation ist kein „Versuch ins Blaue“, sondern ein schwerer Eingriff mit möglichen Folgen: gebrochene Rippen, Hirnschäden, lange Intensivaufenthalte – oft ohne Rückkehr in ein selbstbestimmtes und autonomes Leben. Die eigentliche Frage lautet: Wenn es klappt – in welchem Zustand wird dieser Mensch aufwachen? Und: Würde er dieses Leben so wollen? Ein „Ja“ zur Reanimation ohne dieses Bild im Kopf ist häufig nur ein „Nein“ zum Hinsehen – und genau das kommt später als quälende Zweifel zurück. Auch die Reanimation ist eine ärztliche Maßnahme und setzt eine medizinische Indikation voraus; der Patientenwille entscheidet dann, ob ein indiziertes Angebot angenommen wird.
Mythos 9: „Beatmung oder Dialyse sind nur eine Brücke, bis es besser wird.“
Realität: Eine Brücke braucht ein erreichbares Ufer. In vielen Situationen wird aus der vermeintlichen Brücke eine Einbahnstraße: Delir, Schwäche, Immobilität, Infektionen, Abhängigkeit von Geräten – und am Ende ein Zustand, den der Mensch für sich womöglich nie gewählt hätte. Ein zeitlich begrenzter Therapieversuch kann sinnvoll sein, aber nur, wenn klar ist, wann man weitergeht und wann man aufhört. Sonst ist „Brücke“ nur ein beruhigendes Wort für ein Hineinschlittern ohne Plan.
Mythos 10: „Wenn wir begrenzen, verlieren wir die Kontrolle.“
Realität: Oft ist es umgekehrt: Begrenzen bringt Kontrolle zurück – über Ziele, Maßnahmen, Tempo und Gespräche. Statt Aktionismus entsteht ein Plan: Was tun wir aktiv, was lassen wir bewusst, wie sorgen wir dafür, dass Symptome gelindert werden und Angehörige nicht allein bleiben? Das ist nicht weniger, sondern bessere Medizin, weil sie ihre Nebenwirkungen kennt und sie mitdenkt. Kontrolle heißt nicht „alles machen“, sondern Therapieziele bewusst setzen und sie regelmässig überprüfen, ob sie noch Stand halten oder doch verändert werden müssen.
Was bleibt
„Sterben lassen“ klingt wie ein aktiver Schritt – und löst automatisch Schuld, Angst und das Gefühl aus, kämpfen zu müssen. Gerade deshalb taugt dieser Begriff nicht als Leitfrage. Die präzise Frage lautet: Welche Behandlung ist medizinisch sinnvoll, im Sinne dieses Patienten und von welcher Therapie hat der Patient mehr Nutzen als Schaden?
Therapie zu begrenzen ist kein Rückzug aus Verantwortung, sondern der Moment, in dem gemeinsam neue Ziele geklärt werden: Schutz vor vermeidbarem Leid, Respekt vor dem Willen des Patienten, Ehrlichkeit und Transparenz. Manchmal ist das mutigste Handeln nicht die nächste Eskalationsstufe, sondern eine bewusste Änderung des Therapieziels mit konsequenter Symptomkontrolle. Entscheidungen am Limit werden dadurch nicht leicht – aber klarer. So bleibt die Entscheidung schwer – aber sie ist nachvollziehbar und kann von allen Beteiligten mitgetragen werden.
Literaraturverzeichnis:
Kutschend, P. (2021) ‘Kapitel 35: Ich will nicht mehr’, in Gottschling, S., Gronwald, B. und Welsch, K. (Hrsg.) Fälle Palliativmedizin. 1. Aufl. München: Elsevier, S. 269
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Liebe Laila, ich bin sehr beeindruckt von Deinem Artikel. Was für ein total wichtiges Thema. Danke und weiterhin viel Erfolg, herzlichst, Dana
Liebe Laila, vielen Dank für diesen so klaren und aufklärenden Artikel! Ich habe tatsächlich grad neulich in einem Bericht bei Buten&binnen (Bremer Reginalfernsehen) überhaupt von Delir gehört – ich kannte das gar nicht. Diese Aufklärung über die Mythen kann mit Sicherheit sehr klärend und erleichternd für Angehörige sein. Ich habe aus diesem Grund vor kurzem auch das erste Mal eine Patientenverfügung aufgeschrieben – dank einer sehr einfachen Online-Vorlage der Verbraucherzentrale! Herzliche Grüße, Sona