Weltfrauentag im Kongo:

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Weltfrauentag im Kongo 2019 bei MSF

Tanzen für Sichtbarkeit, Würde und Widerstand

Hier ist der 8. März ein Kampftag

In DRC (Democratic Republic of Congo) wird der 8. März auch mit Blumen und Girlanden geschmückt. Aber im Vergleich zu uns in Europa ist dieser Tag ein Tag des Kampfes. Kongolesische Frauen feiern den Jour des Femmes sehr viel intensiver als Europäerinnen es tun— gerade weil sie weniger Grund zum Feiern haben. Der 8. März ist dort kein Konsumfest und kein Tag für Rabattaktionen, Pastellfarben oder Social-Media-Posts. 

Er ist ein politischer Aufschrei. Ein Tag, an dem Frauen öffentlich sichtbar machen, dass ihre Rechte noch immer nicht selbstverständlich sind, bzw immer noch nicht vorhanden sind. Seit einigen Jahren tragen sie ihre Belange in und an die Öffentlichkeit. 

Während in Europa oft über Gleichstellung auf hohem Niveau diskutiert wird, hat dieser Tag im Kongo einen anderen Zweck. Frauen und ihre zutiefst menschlichen Bedürfnisse möchten überhaupt wahrgenommen sein

Gerade deshalb wird dort so eindrücklich gesungen, getanzt und geredet: Sichtbarkeit ist kein Luxus, sondern eine Form des Überlebens. 

Der 8. März bedeutet dort nicht nur, Frau zu sein. Er ist die Hoffnung auf ein würdiges Leben. 

Meine Erinnerung an den 8. März 2019

In 2019 arbeitete ich drei Monate in DRC für Ärzte ohne Grenzen. Hier wurde für mich sehr konkret, was dieser Tag dort bedeuten kann. 

MSF (Médecins Sans Frontières = Ärzte ohne Grenzen) eröffnete am 8. März 2019 ein Maison d’accueil — ein Gästehaus für Frauen, die kurz vor der Entbindung ihrer Kinder waren. Ganz bewusst am Tag der Frauen. Während anderswo vielleicht Reden gehalten oder symbolische Gesten wiederholt wurden, entstand dort an diesem Tag ein Ort, der Frauen ganz praktisch zugutekommt.

Ich erinnere mich gerne an diese Eröffnung, weil sie so präsent und zugleich so symbolisch war. Ein Gästehaus ist ein Ort, an dem Gäste willkommen sind. Und hier steht ein Haus, in dem Frauen willkommen sind — vor allem sie. Ausdrücklich, weil sie Frauen sind und kurz vor der Entbindung stehen. Gerade darin liegt die Kraft dieses Ortes. Er bietet nicht nur Schutz, Ruhe und Nähe zu medizinischer Hilfe. Er vermittelt (auch): 

Ihr seid hier gemeint. Ihr seid hier erwünscht. Ihr sollt und dürft hier sein.

Ein Gästehaus kurz vor der Geburt

Das Maison d’accueil ist, wie oben beschrieben, ein Gästehaus für Frauen in den letzten Wochen vor der Geburt. Etwa zwei Wochen vor dem errechneten Termin können sie dorthin kommen, um sich auszuruhen, in der Nähe medizinischer Hilfe zu sein, um das Risiko von Geburtskomplikationen zu reduzieren, die es in armen Ländern zuhauf gibt. Allein das ist schon bedeutsam. Denn in vielen Regionen ist die Distanz zu medizinischer Versorgung groß, die Belastung des Alltags hoch und die Geburt kein planbarer, geschützter Vorgang, sondern nicht selten auch ein Risiko.

Doch gerade in dieser Schlichtheit liegt die Kraft dieses Hauses. Für Frauen kurz vor der Entbindung ist dieses Haus vor allem eines: ein Ort, an dem sie nicht einfach weiter funktionieren müssen. Sie können dort ankommen, sich ausruhen und einfach mal sein.

Das Gästehaus ist deshalb weit mehr als eine praktische Infrastrukturmaßnahme. Es ist ein Eingeständnis, dass weibliche Verletzlichkeit kein Randthema sein darf, und dass Fürsorge nicht erst dort beginnt, wo die Katastrophe  bereits eingetreten ist.

Mehr als Medizin: ein Ort für Frauen unter Frauen

Was mich besonders berührt hat: Dieses Haus ist nicht nur ein Ort der medizinischen Vorsorge. Es war auch ein Raum weiblicher Gemeinschaft. Die Frauen leben dort zusammen, kochen, waschen, lachen, erzählen und stärken sich gegenseitig. Gerade in afrikanischen Frauengemeinschaften ist dieses Miteinander von großer Bedeutung. Gemeinschaft ist dort nicht bloß ein Begriff, sondern etwas Gelebtes: emotional, praktisch, sozial.

Vielleicht war genau dies das Entscheidende an diesem Ort. Die Frauen sind nicht allein mit Angst, Müdigkeit oder Überforderung. Sie sind unter sich,  unter anderen Frauen. Und das heißt: unter Menschen, die ohne große Erklärungen verstehen, was getragen, ausgehalten und erwartet wird. 

Das Maison d’accueil ist deshalb nicht nur ein Dach über dem Kopf und nicht nur ein Ort nahe an medizinischer Hilfe. Es ist ein Zwischenraum. Einer, in dem Frauen vor der Geburt einmal nicht nur funktionieren, sondern gehalten werden — von anderen Frauen, von gemeinsamer Routine, von Nähe und von geteilter Erfahrung.

Als das maison d’aceuil beklatscht, betanzt und besungen wurde

Am Tag der Eröffnung wurde dieses Haus von den anwesenden Frauen beklatscht und betanzt. Sie stimmten ein Suaheli-Lied über MSF an, in dem es darum ging, dass MSF alle gleich behandelt, und dass jeder Mensch immer Hilfe bekommt. 

Diese Szene, damals, war sehr tief und voller Freude. Sie war der emotionale Kern dessen, was dieser Ort bedeutet. 

Das maison d’aceuil wurde nicht bloß eröffnet. Es wurde empfangen.

Wer nur von außen darauf schaut, könnte in Tanz und Gesang etwas Folkloristisches sehen. Aber das würde die Würde dieses Moments verkennen. Dieser Tanz war keine Dekoration. Dieses Lied war kein schmückendes Beiwerk. Beides war Ausdruck von immenser Dankbarkeit, Hoffnung, Anerkennung und Vertrauen. Die Frauen feierten , dass Gleichbehandlung nicht nur ein Wort ist, sondern ein Versprechen. Das Bewegende daran war dieses Gemeinschaftsgefühl, dieses wir sind alle Frauen und sind alle gleich, egal ob alt oder jung, dunkel oder hell, Mutter oder nicht. 

Was Sichtbarkeit in Wahrheit bedeuten kann

Seitdem denke ich anders über das Wort Sichtbarkeit nach. Sichtbarkeit bedeutet nicht nur, gesehen zu werden. Es bedeutet v.a., ernst genommen zu werden, dass Bedürfnisse nicht bagatellisiert werden. Es bedeutet, dass Schutzräume entstehen, Hilfe zugänglich ist, bevor etwas eskaliert. 

Sichtbarkeit wird oft ästhetisch verstanden: als Präsenz, Bild, Stimme, Aufmerksamkeit. Aber in Wahrheit ist sie viel mehr. Sie hat auch eine materielle, soziale und politische Seite.

Das Maison d’accueil ist ein sichtbarer Widerspruch gegen die Logik, dass Frauen immer irgendwie zurechtkommen (sollen). Es ist ein Symbol für: 

  • Ihr braucht nicht erst zusammenzubrechen, um wichtig zu sein. 
  • Eure Sicherheit ist nicht zweitrangig. 
  • Eure Verletzlichkeit verdient Infrastruktur. 
  • Und eure Würde ist nicht verhandelbar.

Warum der Jour des Femmes im Kongo so viel ernster ist

Frauen treffen sich am 8. März im Kongo zum Singen und Tanzen. Sie tragen farbenfrohe Stoffe, halten Reden und fordern Rechte, die anderswo auf der Welt selbstverständlich sind: Sicherheit vor Gewalt, Zugang zu Bildung, Landbesitz, politische Teilhabe. Es ist ihr Tag. Endlich ein Tag, an dem SIE gesehen werden, gehört werden, sich gegenseitig bestärken und ihre Anliegen öffentlich machen können. Diese Form von Öffentlichkeit ist entscheidend, weil sie Frauen aus einer alltäglichen Unsichtbarkeit herausholt.

Doch gerade weil dieser Tag so lebendig wirkt, darf man ihn nicht verharmlosen. Sein Ernst liegt unter der Oberfläche jeder Farbe, jedes Liedes, jeder Bewegung. Der Jour des Femmes ist nicht deshalb intensiv, weil dort mehr gefeiert wird als anderswo. Er ist intensiv, weil so viel auf dem Spiel steht. Wo Rechte nicht selbstverständlich sind, bekommen öffentliche Präsenz und die gemeinschaftliche Stimme ein anderes Gewicht. 

Wenn Frausein zur Überlebensfrage wird

Im Kongo ist Gleichberechtigung keine abstrakte Debatte über Karrierechancen oder Quoten. Sexualisierte Gewalt wird seit Jahrzehnten systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Armut, Unsicherheit und strukturelle Machtlosigkeit prägen den Alltag vieler Frauen. Unter solchen Bedingungen ist Frausein nicht nur eine soziale Rolle oder kulturelle Identität. Es kann zur Überlebensfrage werden. 

Gerade deshalb hat der 8. März dort eine Schärfe, die in Europa oft verloren gegangen ist. Es geht nicht nur um Repräsentation, sondern um Unversehrtheit. Nicht nur um Teilhabe, sondern um Sicherheit. Nicht nur um Sichtbarkeit, sondern um das Recht, nicht verletzt, nicht übergangen, nicht entwertet zu werden. Wo der weibliche Körper zum Schauplatz von Macht wird, bekommt jede Geste der Fürsorge ein politisches Gewicht. 

Ein Gästehaus kurz vor der Geburt. Ein Lied über Hilfe. Ein gemeinsamer Tanz. Das alles ist dann nicht klein. Es ist Teil eines viel größeren Ringens um Würde.

Was hat der 8. März mit uns in Europa zu tun?

Die unbequeme Frage beginnt nicht im Kongo und endet auch nicht dort. Sie kehrt nur von dort mit größerer Schärfe zu uns zurück. Was feiern wir am 8. März eigentlich? Die Frau — oder die Illusion, man habe ihre Sache längst verstanden? Ein politischer Tag verliert seine Wahrheit nicht erst dann, wenn man ihn abschafft. Er verliert sie schon dann, wenn man ihn entschärft, ästhetisiert und in ein gefälliges Ritual verwandelt. Dann darf die Frau sichtbar sein, aber nur in einer Form, die nichts mehr fordert. Man gibt ihr Aufmerksamkeit, um der Zumutung ihrer Freiheit nicht begegnen zu müssen.

Gerade darin liegt die eigentliche Blöße aufgeklärter Gesellschaften: Sie verkennen die Frau nicht mehr offen, aber sie entschärfen die Radikalität ihrer Frage. Der Kongo erinnert daran, dass es bei der Frauenfrage nie um ein schmückendes Zusatzthema ging. Es geht darum, ob die Frau als Mensch gilt oder weiterhin nur in den Formen erscheint, die man von ihr erwartet: als Symbol, als Rolle, als Trägerin fremder Bedürfnisse.

Wann gilt eine Frau als Frau — und wann nur als Symbol?

Am Ende bleibt für mich deshalb eine Frage: 

Wann gilt eine Frau eigentlich als Frau — und wann nur als Besitz, Beziehung oder Symbol? Wann wird sie als eigenständiges Gegenüber, auf Augenhöhe wahrgenommen?

Erst, wenn sie funktioniert, trägt, stillhält, versorgt oder repräsentiert? 

Diese Frage stellt sich im Kongo mit brutaler Schärfe. Aber sie verschwindet nicht, nur weil die Verhältnisse in Europa anders sind. Auch hier werden Frauen oft noch über Rollen gelesen: als Mutter, Partnerin, schöne Begleitung, Projektionsfläche oder moralisches Zeichen.

Da liegt die Verbindung. Der 8. März ist dort am ehrlichsten, wo Frauen nicht nur gefeiert, sondern geschützt, gehört und als vollwertig ernst genommen werden. Das Maison d’accueil, das Lied, der Tanz, die Gemeinschaft der Frauen — all das war für mich keine Momentaufnahme, sondern ein konzentrierter Ausdruck dessen, worum es gehen sollte. Nicht um wohlklingende Symbole, sondern um Würde, die einen Ort bekommt. Nicht um einen Tag, an dem Frauen kurz sichtbar sind, sondern um eine Welt, in der ihre Sicherheit, ihre Stimme und ihr Menschsein nicht länger verhandelt werden müssen.


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