Wir feiern Frauen jedes Jahr am 8. März.
Doch sehen wir sie wirklich — oder nur ihre Rollen?
„Warum lassen sie sich das gefallen?“ Meine Tochter war wütend. Wirklich wütend. Sie ist inzwischen zweiundzwanzig und erzählte von Gesprächen mit Freundinnen. Es ging — wie so oft — um Beziehungen. Aber plötzlich ging es nicht mehr um Liebe, sondern um Regeln. Um die Frage, was der Freund gut findet. Was er an einem nicht mag. Was man lieber nicht anziehen sollte, um ihn nicht zu verärgern. Was bei ihm „komisch rüberkommen könnte“bzw, ob man dann bei anderen als“bitch“ rüberkäme; ob der Partner da nicht vielleicht recht habe. Letztlich, sagte sie, drehten sich die Gespräche nur noch um ihn bzw sie, da es um jeden einzelnen „boyfriend“ ging.
Ob er dies oder eher das gut findet.
Ob er dieses oder jenes erlaubt.
Unausgesprochen blieb, ob er dann bleibt, wenn „frau“ es genauso macht, wie es ihm beliebt (wohlgemerkt, diese Szene spielte sich in Deutschland in 2025 ab, einem der wenigen Länder auf der Welt, welches eine Demokratie hat, wo Gleichberechtigung ein hohes Gut ist).
Meine Tochter schüttelte nur den Kopf. Weil diese jungen Frauen keine Kompromisse eingehen. Es ging nicht darum, was sie wollen sondern nur darum, was er möchte. Sie verlieren sich dabei selbst. Sie verbiegen sich, um jemanden zu halten, obwohl auch das ungewiss ist. Sie treffen ihre Entscheidungen nicht mehr aus sich selbst heraus, sondern aus der Angst, verlassen zu werden. Und plötzlich stand eine Frage im Raum, die viel größer war als diese eine Beziehung oder diese eine Generation:
Ist frau nur jemand, wenn sie die Frau von jemandem ist?
Diese Frage ist älter, als man denkt.
Simone de Beauvoir beschrieb sie bereits 1949 in Das andere Geschlecht. Die Frau erscheine in der Geschichte selten als eigenständiges Zentrum, schrieb sie, sondern als Bezugspunkt — definiert im Verhältnis zum Mann. Nicht das Selbst, sondern das Andere.
„Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht.“ (S. de Beauvoir)
Vielleicht beginnt dieses Gemachtwerden nicht erst in großen gesellschaftlichen Strukturen, sondern in kleinen, scheinbar liebevollen Formulierungen. In Namen, die sich an andere anhängen. In Identitäten, die sich erklären müssen: Ehefrau, Partnerin, Begleitung.
Nicht falsch.
Aber auffällig einseitig.
Solange diese Ordnung nur aus Worten besteht, wirkt sie harmlos. Doch Definitionen bleiben selten folgenlos. Wer als „das Andere“ gilt, dessen Körper wird leichter zur Projektionsfläche — manchmal sogar zum Besitz.
Es gibt Orte auf der Welt, an denen Frausein nicht gefeiert wird, sondern markiert. Nicht mit Blumen, sondern mit Gewalt.
Dort wird der weibliche Körper zur Botschaft eines Krieges, zur Einschreibung von Macht in Haut und Erinnerung. Nicht weil einzelne Männer grausam sind, sondern weil das Prinzip dahinter alt ist: Wer das „Andere“ kontrolliert, demonstriert Herrschaft. Plötzlich wirkt Beauvoirs Satz nicht mehr philosophisch, sondern erschreckend konkret.
Und vielleicht beginnt Ungleichheit nicht dort, wo Frauen weniger dürfen, sondern dort, wo sie zuerst erklärt werden müssen.
Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo.
Hier ist der8. März ein Kampftag. Kongolesische Frauen feiern den Jour des Femmes intensiver als viele Frauen in Europa — gerade weil sie weniger Grund zum Feiern haben. Der 8. März ist dort kein Konsumfest und kein Tag für Rabattaktionen, Blumen, Pastellfarben oder Social-Media-Posts. Er ist ein politischer Aufschrei.
Frauen treffen sich zum Singen und Tanzen. Sie tragen farbenfrohe Stoffe, halten Reden, fordern Rechte, die anderswo selbstverständlich erscheinen: Sicherheit vor Gewalt, Zugang zu Bildung, Landbesitz, politische Teilhabe. Es ist ihr Tag. Endlich mal ein Tag, an dem SIE gesehen und wahrgenommen werden. Denn im Kongo ist Gleichberechtigung keine abstrakte Debatte über Karrierechancen oder Quoten. Sexualisierte Gewalt wird seit Jahrzehnten systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Armut, Unsicherheit und strukturelle Machtlosigkeit prägen den Alltag vieler Frauen.
Während in Europa über Gleichstellung auf hohem Niveau diskutiert wird, ist der 8. März im Kongo ein Überlebensruf — ein Tag, an dem Frauen öffentlich sichtbar machen, wie marginalisiert ihre Position noch immer ist. Und genau dort beginnt eine unbequemere Frage.
Nicht nur für den Kongo.
Auch für uns.
Wann gilt eine Frau eigentlich als Frau — und wann nur als Besitz, Beziehung oder Symbol?


Weltfrauentag 2026: Was ich feiere – und was ich ablehne
Diese Frage begegnet mir auch in meiner eigenen Arbeit.
Ich arbeite mit Frauen, die oft an einem Punkt stehen, an dem Rollen plötzlich brüchig werden. Frauen, die eine medizinische Grenzerfahrung erlebt haben, eine Krankheit, einen Zusammenbruch, eine Phase der Erschöpfung oder Angst. Situationen, in denen das Leben für einen Moment stehen bleibt und das Gewohnte aus den Fugen gerät.
Dann taucht eine andere Frage auf:
Wer bin ich eigentlich, wenn meine Rollen nicht mehr funktionieren?
In diesen Momenten wird sichtbar, wie dünn manche Identitäten sind. Wie schnell eine Frau, die immer „für andere da“ ist und war, plötzlich nicht mehr weiß, wer sie ohne diese Funktion ist.
Was ich an diesem Tag feiere, sind deshalb Frauen, die beginnen, ihre eigene Geschichte wieder zurückzuholen. Frauen, die nicht mehr nur funktionieren wollen. Frauen, die verstehen möchten, was sie erlebt haben — und was es mit ihnen gemacht hat.
Frauen, die nicht mehr nur Rolle sind, sondern Erzählerin ihres eigenen Lebens.
Was ich nicht feiere, ist der dekorative Feminismus. Die Version des Weltfrauentags, die Frauen beklatscht, solange sie stark wirken, aber bitte nicht zu unbequem werden. Die Frauen feiert, solange sie erfolgreich sind, lächeln und gleichzeitig niemanden irritieren. Ein Feminismus, der sich gut vermarkten lässt. Der aber schweigt, wenn Frauen sich selbst klein machen. Wenn sie ihre Entscheidungen danach ausrichten, was ein Partner akzeptiert. Wenn Freiheit formal existiert, aber innerlich wieder abgegeben wird.
Und das…..
Nach Simone de Beauvoir.
Nach Alice Schwarzer.
Nach Jahrzehnten feministischer Kämpfe.
Eine Rolle kann man feiern. Aber Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Frauen bewundert werden. Sie bedeutet, dass sie sich nicht erklären müssen. Dass ihr Leben nicht über Beziehungen legitimiert wird.
Und dass sie nicht erst jemandes Frau sein müssen, um jemand zu sein. Der Moment, in dem aus „frau“ wieder eine Frau wird.
Vielleicht beginnt der Weltfrauentag genau dort.
Tipp: Blogartikel von …..zum Internationalen Tag der Frau
Magst du mir Feedback dalassen oder deine Gedanken teilen? Dann schreib mir gern oder kommentiere direkt unter dem Beitrag.
Du erreichst mich per Mail
Und wenn du nichts verpassen willst: Hier kannst du meinen Newsletter abonnieren.
Wenn du ein unverbindliches Kennenlerngespräch wünschst, um zu schauen, ob und wie ich dich unterstützen kann, buche dir gerne einen kostenlosen Termin

