Einleitung
„Lesen ist lebensnotwendig“
Lesen ist ein essentieller Bestandteil unseres Daseins, eine unersetzliche Quelle der Inspiration und des Wissens. Es ist nicht nur eine Aktivität, sondern ein lebensnotwendiges Element, das uns ermöglicht, die Welt um uns herum zu verstehen und uns mit den Gedanken und Gefühlen anderer Menschen zu verbinden (Heimes 2017).
In einer Welt, die von rascher Veränderung und Informationsschwemme geprägt ist, bietet das Lesen einen Rückzugsort der Ruhe und Kontemplation. Es erlaubt uns, dem hektischen Treiben des Alltags zu entfliehen und in die Tiefen der Phantasie einzutauchen. Durch das Lesen können wir neue Welten entdecken, uns in fremde Kulturen einfühlen und uns mit den unterschiedlichsten Lebenserfahrungen auseinandersetzen.
Lesen ist jedoch nicht nur eine geistige, sondern auch eine emotionale Erfahrung. Es berührt unsere Herzen und Seelen, indem es uns in die innersten Gedanken und Gefühle der Protagonisten einer Geschichte eintauchen lässt. Durch das Lesen können wir Trost und Unterstützung finden, uns mit anderen Menschen verbinden und uns weniger allein fühlen, selbst wenn wir uns physisch isoliert vorkommen.
Aus diesem Grund bietet das Lesen darüber hinaus einen unschätzbaren Beitrag zur Gesundheit und zum Wohlbefinden. Studien haben gezeigt, dass regelmäßiges Lesen Stress reduzieren, das Gedächtnis verbessern und das Risiko für psychische Erkrankungen verringern kann. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge und Selbstreflexion, der uns dabei hilft, unsere geistige und emotionale und damit indirekt auch die körperliche Gesundheit zu pflegen.
Die Wissenschaft dahinter
Bibliotherapie ist eine therapeutische Methode, die auf der Annahme basiert, dass das Lesen von Literatur therapeutische Effekte haben kann. Diese Form der Therapie nutzt ein breites Spektrum an literarischen Genres, einschließlich Belletristik wie Romane, Erzählungen und Gedichte sowie Sachbücher, Ratgeber und Aufklärungsbroschüren. Der Begriff „Bibliotherapie“ wurde vermutlich erstmals 1916 von McChord Crothers eingeführt.
Literatur wird in der Bibliotherapie als Mittel eingesetzt, um den Zugang zu persönlichen Erfahrungen zu erleichtern und die Entwicklung und Umsetzung neuer Ideen und Konzepte zu fördern. Wie Heimes 2017 feststellt, findet jede Leserin und jeder Leser in jedem Buch einen Teil von sich selbst wieder, was das Selbstvertrauen stärkt und den Mut zu eigenständigem Denken und Handeln fördert. Die Grundidee der Bibliotherapie lautet, dass Menschen Literatur nicht nur lesen, um dem Alltag zu entfliehen und in andere Welten zu reisen, und auch nicht ausschließlich aus akademischem Interesse. Vielmehr suchen sie in Geschichten, Figuren und Worten einen seelischen Halt: eine Möglichkeit, das Menschsein mit seinen Ängsten, Verlusten, inneren Konflikten und offenen Fragen besser auszuhalten. Lesen kann trösten, ordnen und einen Sinnhorizont öffnen. So wird Literatur zu einem stillen Mittel, den Schmerz der Existenz zu lindern (Peter Leyland).
I am able to keep the spirit in me alive by constant reading.
2. Lieutenant Stephen Henry Hewett, welcher 1916 im Krieg an der Somme gefallen ist
Bibliotherapie kann sowohl mit fiktionalen als auch mit nicht-fiktionalen Texten durchgeführt werden. Bei der Verwendung fiktionaler Texte spricht man auch von inspirierender Bibliotherapie (Pardeck, 1992). Hier steht besonders das Lernen am Modell im Vordergrund. Vor allem die Romantherapie zeigt Leserinnen und Lesern, dass andere Menschen ähnliche Probleme erlebt haben und sie damit nicht allein sind. Sie eröffnet neue Lösungswege und erweitert den Blick auf mögliche Handlungsoptionen. Zudem hilft sie, die Motive und Gefühle zu verstehen, die Menschen in vergleichbaren Situationen antreiben. Sie kann sachliche Informationen und Fakten vermitteln – und schließlich dazu ermutigen, Probleme realistisch, Schritt für Schritt und konstruktiv anzugehen (Emilie Le Beau Lucchesi).
In Großbritannien und Skandinavien besteht die Möglichkeit, dass Ärzte Bücher gegen Depressionen verschreiben und die Patienten das „Rezept“ in der Stadtbibliothek einlösen können. Diese innovative Praxis hat die Aufmerksamkeit von Fachleuten wie der deutschen Ärztin und Psychotherapeutin Elisabeth Drimalla auf sich gezogen, die bibliotherapeutisch arbeitet. Drimalla ist der Ansicht, dass ein Buch auf Rezept möglicherweise besonders wirksam sein könnte, da der Leser während des Lesens reflektiert, warum ihm gerade dieses Buch verschrieben wurde (Heimes 2017).
Geschichte der Bibliotherapie
Die Geschichte der Bibliotherapie ist so alt wie das Lesen selbst, nur wurde es noch nicht „Therapie“ genannt:
In den „Bekenntnissen“ des christlichen Kirchenlehrers Augustinus (397–401 n. Chr.) beschreibt Augustinus eine transformative Erfahrung während seines Lesens. Er spricht von einem Moment der seelischen Gesundung, der durch die Lektüre ausgelöst wurde: Das Licht der Sicherheit drang in sein Herz ein und sämtliche Zweifel verschwanden, als er einen bestimmten Satz las (Augustinus 2021).
Historische Quellen wie die Empfehlung des Arztes Maimonides in seiner Schrift „Regimen sanitatis“ (1198) unterstützen die Idee, dass Erzählungen und humoristische Neuigkeiten die seelische Gesundheit positiv beeinflussen können, indem sie vitale Kräfte stimulieren und Resilienz stärken. Das Beispiel des Al-Mansur Spitals in Kairo (1272), das seinen Patienten die Lektüre des Korans zur Unterstützung des Heilungsprozesses empfahl, zeigt zudem den Einsatz religiöser Texte als therapeutisches Mittel.
Während der Aufklärung wurden in Frankreich, England und Italien religiöse und weltliche Texte als Ergänzung zur Behandlung psychischer und physischer Krankheiten verwendet; Bibliotheken entstanden in psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen.
Der Theologe Götze veröffentlichte 1705 eine „Krancken-Bibliothec“.
Im 18. Jahrhundert empfahl der Arzt Rush weltliche und religiöse Texte als Heilmittel.
Das York Retreat (1796) gilt als wegweisend; auch Pinel(Frankreich) und Chiarugi (Italien) führten „moralische Behandlungen“ ein.
Ein bedeutender Schritt war die Initiative von Minson Galt II (1853) im „Eastern Lunatic Asylum“ (Virginia): Bücher wurden nach Wunsch angeschafft; Galt publizierte Essays über Bibliotherapie.
Im Ersten Weltkrieg wurden amerikanische Soldaten in Feldlazaretten mit Büchern versorgt; später entstanden Spitalsbüchereien.
In den 1930er Jahren unterstützten die Brüder Menninger den Einsatz von Büchern und 1936 empfahlen Bradley und Bosquet Bibliotherapie auch für Kinder.
Seit 1977 besteht das Bibliotherapy Research Institute und seit 1990 wird „heilsame Literatur“ in den USA in vielen sozialen Berufen eingesetzt (Aringer, 2010).
Im deutschsprachigen Raum lässt sich Bibliotherapie bis 1843 (Most) zurückverfolgen.
1958 entstand in Gießen die bibliotherapeutische Beratungsstelle (Euler).
1984 wurde die Deutsche Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie gegründet.
Warum üben Romane eine stärkere Wirkung auf uns aus als Sachbücher?
Diese Frage wirft einen Blick auf die tief verwurzelte menschliche Neigung zum Erzählen und wie diese uns beeinflusst. Das Erzählen ist eine grundlegende menschliche Fähigkeit, die nicht nur dazu dient, Wissen weiterzugeben und Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch eine Vielzahl anderer Funktionen erfüllt. Erzählungen warnen vor Gefahren, geben Hoffnung, benennen Ziele und Träume und dienen der Bildung von Kulturen sowie der Regelung von Machtverhältnissen. Tatsächlich könnte man argumentieren, dass die gesamte Weltgeschichte aus Erzählungen besteht und dass religiöse Texte letztendlich nichts anderes sind als verschriftliche Erzählungen. Bereits bei Naturvölkern, die lange Zeit des Lesens und Schreibens nicht mächtig waren, wurden Geschichten über Jahrhunderte mündlich weitergetragen.
Wir denken und begreifen unser Leben und handeln in Form von narrativen Mustern, die uns als kulturell geprägte Denk- und Kommunikationsstrukturen begegnen. Erzählungen helfen uns, Erfahrungen zu strukturieren und zu verarbeiten, und ermöglichen es uns, Sinn und Bedeutung zu konstruieren.
Beim Lesen von Romanen werden wir mit einer besonderen Freiheit des Geistes konfrontiert. Wir können uns die Geschehnisse und Charaktere so vorstellen, wie wir es uns wünschen, und unsere eigene Interpretation in die Lektüre einfließen lassen. Diese Freiheit erlaubt es uns, uns auf eine einzigartige Weise mit den Inhalten des Romans zu verbinden und eine persönliche Beziehung zu den Figuren und Ereignissen aufzubauen. Ein weiterer Aspekt, der Romane so wirkungsvoll macht, ist die Möglichkeit, die Empfindungswelten anderer Menschen zu erkunden. Durch die Darstellung von Gedanken, Gefühlen und Emotionen ermöglichen Romane, uns in die Erfahrungen anderer hineinzuversetzen und ihre Perspektiven zu verstehen. Auf diese Weise erweitern wir unseren Horizont und lernen, uns in einer Vielzahl von Situationen und Lebensumständen einzufühlen.
Das Lesen eröffnet uns die Möglichkeit, uns zurückzuziehen und eine Zeitlang ungestört zu sein. Lesen wird zu einem Akt der freundlichen Isolation, der es uns erlaubt, uns auf taktvolle Weise unnahbar zu machen. Durch die Auszeit beim Lesen können wir regenerieren, uns von belastenden Dingen distanzieren und uns auf uns selbst konzentrieren. Dabei ist es kein Widerspruch, dass wir beim Lesen in fremde Welten eintauchen und gleichzeitig bei uns selbst ankommen. Beim Lesen kreieren wir Bilder, die vielleicht schon lange in uns geschlummert haben und durch einen Text zum Leben erweckt werden, aber bei Sachtexten verständlicherweise nicht zum Tragen kommen. Wir verbinden Fremdes mit Eigenem, erkennen Parallelen und schaffen Verknüpfungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Es ist bekannt, dass narrative Persuasion, also das Beeinflussen durch Geschichten und Erzählungen, uns eher zum eigenen Gesundheitsverhalten motiviert als reine Fakten und Zahlen. Geschichten und Schicksale können uns auf einer emotionalen Ebene ansprechen und uns dazu bringen, über unser Verhalten nachzudenken und es gegebenenfalls zu ändern (Neuroscience 2023; der Standard 2014).
Anhaltende literarische Effekte
Das Lesen einer Geschichte kann eine starke emotionale Wirkung haben – und diese Wirkung bleibt, wie Forschende zeigen konnten, noch eine Zeit im Gehirn bestehen.
Ein Team der Emory University untersuchte dies mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT). Über einen Zeitraum von 19 Tagen wurden die Gehirne von Teilnehmenden wiederholt gescannt, während sie ein zugewiesenes Buch lasen. Zu Beginn wurden Aufnahmen gemacht, als die Personen noch keinen Roman lasen. Danach sollten sie neun Abende lang jeweils nachts lesen und den Roman innerhalb von neun Tagen beenden. Das Buch Pompeji versetzt die Leser ins Jahr 79 n. Chr., als der Vesuv kurz vor dem Ausbruch steht und ein Mann versucht, die Frau zu retten, die er liebt.
Nach jedem Leseabend kamen die Teilnehmenden am nächsten Morgen zur fMRT-Untersuchung zurück. Zusätzlich wurden sie an fünf weiteren Tagen nach Abschluss des Buches erneut gescannt. Die Forschenden stellten fest, dass am Morgen nach dem Lesen die Konnektivität in einem sprachassoziierten Hirnareal – dem linken temporalen Kortex – erhöht war. Diese verstärkte Aktivität blieb sogar bis zu fünf Tage nach dem Ende der Lektüre bestehen.
Auch der Bereich, der mit primär-motorischen und sensorischen Funktionen zusammenhängt – der Sulcus centralis – zeigte eine anhaltend erhöhte Aktivität. Da dieser Bereich mit Körperempfindungen verbunden ist, schlossen die Forschenden, dass die Ergebnisse die verbreitete Erfahrung stützen: Ein Buch kann das Gefühl auslösen, man sei „wirklich dabei“ (Emilie Le Beau Lucchesi).
Romantherapie am Beispiel Depression
„Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ (Haig, M. 2015)
Depressionen sind eine ernsthafte psychische Erkrankung, die sich auf vielfältige Weise manifestieren kann und das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen kann. Sie gehen über vorübergehende Traurigkeit oder Stimmungstiefs hinaus und können dazu führen, dass Menschen sich hoffnungslos, leer und wertlos fühlen. Die Symptome von Depressionen können von Person zu Person variieren, aber typischerweise umfassen sie eine anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Schlafstörungen, Appetitveränderungen, Energiemangel und Konzentrationsprobleme.
Depressionen können viele Ursachen haben, darunter genetische Veranlagung, biochemische Ungleichgewichte im Gehirn, traumatische Lebensereignisse, chronischer Stress, bestimmte Medikamente oder gesundheitliche Probleme. Oft ist es eine Kombination verschiedener Faktoren, die zur Entwicklung einer Depression führen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass Depression keine Schwäche ist und nicht einfach durch Willenskraft überwunden werden kann. Es handelt sich um eine medizinische Erkrankung, die professionelle Behandlung bedarf.
Glücklicherweise gibt es viele wirksame Behandlungsmöglichkeiten für Depressionen, darunter Psychotherapie, Medikamente und unterstützende Maßnahmen wie regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf.
Der Umgang mit Depressionen erfordert oft Geduld und Durchhaltevermögen. Menschen mit Depressionen sollten sich nicht scheuen, Hilfe zu suchen, da die Behandlung ihnen helfen kann, wieder Hoffnung, Freude und Lebensqualität zu finden.
Hier kann die Romantherapie auch zu Linderung verhelfen.
Tatsächlich gibt es zum Thema Depressionen mehrere Romanvorschläge. Hier mal einer: „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ von Matt Haig ist ein Buch, das einen einzigartigen Einblick in die Welt der Depressionen bietet und gleichzeitig Hoffnung und Inspiration vermittelt. Matt Haig teilt seine persönliche Erfahrung mit Depressionen auf ehrliche und berührende Weise und zeigt auf, wie er es geschafft hat, trotz der Dunkelheit, die ihn umgab, einen Weg ins Licht zu finden.
Das Buch bietet nicht nur Einblicke in die persönliche Erfahrung des Autors, sondern enthält auch wertvolle Erkenntnisse und Ratschläge für alle, die mit Depressionen zu kämpfen haben. Matt Haig ermutigt die Leser, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden, Hilfe zu suchen und Wege zu finden, um mit der Krankheit umzugehen. Durch die offene und ehrliche Darstellung der eigenen Erfahrungen gelingt es ihm, eine Verbindung zu seinen Lesern herzustellen und sie zu ermutigen, Hoffnung zu schöpfen und Hilfe anzunehmen. In einer Welt, in der mentale Gesundheit oft tabuisiert wird, ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung von Depressionen und zur Sensibilisierung für dieses wichtige Thema.
Welches Medium hat den grösseren Einfluss?
Die Vergleichsanalyse zwischen dem Medium Film und dem Medium Buch offenbart eine Vielzahl von Unterschieden hinsichtlich ihres Einflusses auf den Leser bzw. Betrachter sowie ihrer jeweiligen Vor- und Nachteile.
Ein zentraler Aspekt betrifft die Zugänglichkeit und Verfügbarkeit der Medien. Während Filme in der Regel leichter zugänglich sind und oft breiter verfügbar sind als Bücher, da sie in Kinos gezeigt und auf verschiedenen Streaming-Plattformen angeboten werden, sind sie dennoch zeitlich begrenzt. Filme können aus den Programmbibliotheken verschwinden und damit ihre Verfügbarkeit einschränken, während Bücher durch ihre physische Existenz oder digitale Form eine dauerhafte Zugänglichkeit bieten können.
Ein weiterer relevanter Unterschied liegt in der Darstellung von Charakteren und Handlungssträngen. Bücher ermöglichen es Schriftstellern, Charaktere und deren Verbindungen ausführlich und nuanciert darzustellen, während Filme aufgrund ihrer begrenzten Laufzeit oft dazu neigen, die Komplexität der Charaktere und ihrer Beziehungen zu vernachlässigen. Filme konzentrieren sich in der Regel eher auf die zentrale Handlung und bieten daher nur eine oberflächliche Abbildung der Buchvorlage.
Ein bedeutender Vorzug des Lesens besteht darin, dass es die Fantasie des Lesers fördert und ihm ermöglicht, eigene Bilder und Interpretationen der Geschichte im Kopf entstehen zu lassen. Während Filme visuelle Bilder vorgeben und somit die Fantasie des Betrachters einschränken, erlauben Bücher dem Leser eine aktive Beteiligung an der Schöpfung der Geschichte und ermöglichen ein individuelles und persönliches Leseerlebnis.
Darüber hinaus bietet das Medium Buch dem Leser eine größere Freiheit in Bezug auf Ort und Zeit des Konsums. Bücher können überall hin mitgenommen werden und erlauben es dem Leser, sein eigenes Tempo zu bestimmen und sich in eine andere Welt zu vertiefen. Im Gegensatz zum passiven Konsum von Filmen erfordert das Lesen eine aktive Beteiligung des Lesers, der sich dabei ganz auf die Inhalte des Buches konzentrieren kann.
Diese Selbstbestimmung über das Leseerlebnis ermöglicht es dem Leser, eine tiefere Bindung zu den Charakteren und Handlungssträngen aufzubauen und sich in eine ruhige und kontemplative Atmosphäre zu begeben (Wagman 2019; Manan&Kuiken 2014; Bavishi et al 2016).
Praktische Romantherapie
Agnès Maelström schlägt folgenden Weg vor:
Was beschäftigt dich gerade?
Nimm dir bewusst einen Moment Zeit, um nach innen zu schauen:
Was soll sich durch das Lesen für dich verändern?
Geht es um mehr Ruhe, um das Verstehen bestimmter Gefühle, um Orientierung in einer Übergangsphase oder um Stärkung des Selbstwerts?
Wähle deine Bücher gezielt
Greif zu Literatur, die dich wirklich erreicht – nicht unbedingt zu dem, was „man gelesen haben muss“. Die Romane, die dir helfen klarer zu sehen, können zum einen aus diversen Genres bestehen, sie können sich bei den Klassikern befinden, moderne Belletristik und letztlich sogar Groschenromane sein, wie es im Blogartikel von Till Eulenspiegel zu lesen ist.
Entscheidend ist, dass ein Text etwas in dir anstößt:
- Erinnerung
- Resonanz
- Trost
- Widerstand
- Hoffnung
- Mut
Es geht nicht darum, schnelle Antworten zu bekommen, sondern um Texte, die dir die richtigen Antworten schenken.
Schaffe dir einen Rahmen für Reflexion
Lesen wirkt tiefer, wenn es einen Platz zum Nachklingen bekommt.
- durch ein Notizbuch, in das du ein paar Sätze schreibst
- ein stiller Spaziergang nach dem Kapitel
- ein Gespräch mit einer vertrauten Person
- einfach zehn Minuten Ruhe, in denen du nachspürst, was das Gelesene in dir bewegt.
Dieser „Nachhall“ ist der eigentliche therapeutische Moment.
Lies aktiv – mit innerem Dialog
Bleib beim Lesen im Kontakt mit dir selbst und stell dir selbst dabei Fragen:
- Was genau berührt mich hier – und warum?
- Wo erkenne ich mich wieder, wo nicht?
- Welche Figur oder Szene triggert etwas in mir?
- Was würde ich der Person raten – und was sagt das über meine eigene Situation?
Je mehr du mit dir selbst in diesen Dialog gehst, desto stärker wird aus Lektüre eine echte Selbsterkundung.
In Büchern stösst man seine Krankheiten ab – wiederholt Gemütsbewegungen, sie aufs neue darstellend, um sie zu meistern.
D.H. Lawrence
Der obige Text ist ein Auszug aus meinem Buch Hypno Novel Therapie aus dem Kapitel Bibliotherapie


Bei Interesse kontaktiere mich gerne
Liebe Laila, Wow, was für ein spannendes Thema und ein wirklich gehaltvoller Artikel. Bin total gespannt auf mehr dazu und auch darauf, wie du zu dieser Therapieform gekommen bist und seit wann du sie schon anwendest? Welche Erfolge zeigen sich generell? Super spannender Artikel. Danke für’s Teilen! Liebe Grüße,
Lorena
Vielen Lieben Dank. In der DACH Region noch n nicht so verbreitet, aber zB in UK und Skandinavien nicht mehr so ungewöhnlich. Ich habe die Bibliotherapie während Coronazeit entdeckt und auch, dass und wie man sich hier fortbilden kann. Und da ich selbst lesen schon immer als wohltuend empfunden habe, war dies nicht so überraschend für mich, dass es dazu eine Therapieform gibt. Es funktioniert sehr gut, wenn derPatient/Klient sich darauf einlässt und dann zwangsläufig offen ist, etwas zu lesen, was ihm /ihr selbst nicht in den Sinn gekommen wäre. Habe es im Selbstversuch getestet, dabei nicht nur innere Ruhe erfahren, sondern auch Bücher entdeckt, die ich im Buchladen nicht genommen hätte 🙂