Newsletter, Notärztin im Tempel und ein Krokodil, das mir das Vertrauen beibringen will
Der April war kein Monat, der sich leise davonschleicht.
Er war eher einer von der Sorte, die ich aus der Notfallmedizin kenne: vieles passiert gleichzeitig, manches richtig gut, manches schief, und am Ende sitzt man da, schaut auf die letzten dreißig Tage und denkt: Moment mal, was war das jetzt?
Im April habe ich meinen Newsletter endlich am Laufen, dank Michaela Platte, die sich hierfür einen ganzen Vormittag Zeit genommen hatte. Ich habe eine wirklich schöne Anmeldeseite mit Judith Peters`Hilfe aufgesetzt, einen Blogartikel mit erstaunlichem Auftakt, eine kleine Handoperation, die sich nicht ganz an die Spielregeln hält, eine abgesagte Mission mit Ärzte ohne Grenzen, ein Barcamp, auf dem ich mich wie eine Außerirdische gefühlt habe, eine eigene Session für genau eine Person und – das gehört auch dazu – einen Anflug von Selbstmitleid, der mich selbst überrascht hat.
Krönung: Mein Krafttier ist diesen Monat, das Krokodil. Es soll mir laut Beschreibung beibringen, mir und dem Leben zu vertrauen. Ich melde schon mal vorab: Ich übe noch.
Mein Spruch des Monats
„Der Frühling kommt. Mit ihm das Glück. Halte durch. Das Leben wird wärmer werden.“
Sehr schöner Satz. Nur fühlt es sich gerade weniger nach Frühlingsglück an und mehr danach, als säße ich auf dem chinesischen Feuerpferd und galoppiere durchs Feuer. Ohne mich zu verbrennen, ja. Aber heiß genug, um es zu spüren.
Vielleicht ist genau das die Variante, in der dieser Spruch im April zu mir gehört. Halte durch heißt manchmal nicht: Lehn dich zurück und genieß die Sonne. Sondern: Sitz auf, halt dich fest, atme.
Mein Krafttier im April: das Krokodil
Das Krokodil soll, so heißt es, drei Dinge bringen: Vertrauen in mich und das Leben. Auflösung von Angst und Zweifeln. Die Bereitschaft für eine grundlegende Veränderung.
Ich lese das, nicke und denke: Davon merke ich, ehrlich gesagt, gerade nichts.
Keine Spur von einem neuen, nie betretenen Terrain, das sich auftut. Stattdessen ein gewohntes Terrain, auf dem mir nacheinander ein paar Pläne abhanden gekommen sind. Aber gut. Krokodile leben angeblich seit über zweihundert Millionen Jahren auf diesem Planeten. Ich nehme an, sie haben gelernt, geduldig zu sein. Vielleicht sollte ich mir davon eine kleine Scheibe abschneiden.
Bis dahin liege ich, bildlich gesprochen, halb im Wasser, halb am Ufer und schaue, wer oder was als nächstes vorbeikommt. Eine sehr krokodileske Haltung, finde ich.
Newsletter, Anmeldeseite und ein Artikel, der sofort lief
Der April war im Business-Teil tatsächlich der Monat, in dem ein paar Dinge ineinandergegriffen haben.
Der Newsletter steht nun wirklich. Mit Hilfe von Michaela Platte habe ich es endlich geschafft, ihn so aufzustellen, dass er nicht nur theoretisch existiert, sondern auch praktisch jeden Samstag erscheint. WochenEndMomentum heißt er, und er bekommt jede Woche neuen Content. Rechtzeitig zum ersten Kaffee am Samstagmorgen.
Die Anmeldeseite ist dank Judith Peters jetzt eine, die mir wirklich gefällt. Vorher war sie funktional, was ein wunderbar höfliches Wort für „naja, geht“ ist. Jetzt ist sie schön und klar.
Geblogt habe ich regelmäßig: 8 Blogartikel im April. Einer davon, „Chronik meiner unerfüllten Wünsche“, wurde am ersten Tag gleich 46 Mal angesehen und gelesen. Für meine Verhältnisse ein kleines Feuerwerk. Ich habe das mit einer Mischung aus Freude und leisem Misstrauen registriert.
Das Barcamp – oder: Notfallmedizin für Esoterikerinnen
Letzte Woche war ich auf einem Barcamp für selbständige Frauen. Und ich hatte von Anfang bis Ende das Gefühl, die falsche Filmspule eingelegt zu haben.
Das fing damit an, dass ich nicht in einem Satz sagen konnte, was ich mache. Ich habe es in zwei Sätzen versucht. In drei. Schließlich in fünf. Und ich habe gesehen, wie das Lächeln meines Gegenübers den Sauerstoffgehalt verlor.
„Notärztin und … Bibliotherapie? Ah, interessant.“
Übersetzt: Ich habe nichts verstanden, aber ich bin höflich. Ich nicke und schaue mich nach jemand anderem um.
Ich habe das Networking nicht hinbekommen, weil ich an diesem Tag schlicht nicht in der richtigen Verfassung war. Um mich herum waren Frauen mit einer wunderbarer Ruhe, mit einer Sprache, die zwischen Achtsamkeit und Marketing eine eigene Tonart gefunden hatten – und ich stand daneben wie ein Rettungshelikopter vor einem Yogastudio.
Ich saß da, mit meinem nicht durchdachten einfachen Satz und dachte: Vielleicht habe ich die falschen Themen.? Zu esoterisch? Nicht esoterisch genug? Gibt es Notfallmedizin für Esoterikerinnen?
Krönender Moment: meine eigene Session über Romantherapie. Eine, zu der ich vorher mehrfach befragt wurde. Es kam eine Person. Eine.
Sie war hochinteressiert, hatte kluge Fragen, und ich habe versucht, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich gerade eine Session für eine Person halte – in einem Raum, der für zehn bis fünfzehn vorgesehen war. Es war absurd auf eine Weise, die einen Tag später lustig wurde und es im Moment selbst es nicht war.
Mein Trost: Diese eine Person hat eine richtig gute Session bekommen. Mit allem, was ich an Aufmerksamkeit zu vergeben hatte. Vermutlich die persönlichste Romantherapie-Sprechstunde, die je auf einem Barcamp stattgefunden hat.
AuraSoma – das Unerwartete in der Welt der durchdachten Lächeln
Doch einen Moment habe ich beim Barcamp sehr genossen. Ich war selbst in einer AuraSoma Session, wo es darum ging , welche Farben einem gut tun. Spoiler: es sind nicht immer dieselben; und wie Düfte Farben erzeugen können. Aura Soma ist ein Heilverfahren mit Farben und Pflanzen – schon irgendwie auch esoterisch, aber die Dame, die es vorgestellt hat, war alles andere als Esoterikerin.
80. Geburtstag, ein neuer Lesesessel und das wiederentdeckte Laufen
Im April habe ich die Einladung zum 80. Geburtstag meiner Mutter gestaltet. Sie findet sie wunderbar. Das ist – falls jemand jemals ein präziseres Lob als „wunderbar von der eigenen Mutter“ messen möchte – die höchste mir bekannte Auszeichnung.
Außerdem habe ich endlich wieder einen guten Leseplatz. Die großen Sessel, in denen ich nie wirklich gut gesessen bin (man sitzt darin entweder zu tief oder zu schräg, beides nicht gut für Wirbelsäule und Konzentration), sind raus. Stattdessen ein anderes Sitzmöbel. Es ist erstaunlich, wie sehr ein kleiner Wechsel im Lesezimmer das Leseverhalten verändert.
Und ich laufe wieder. Noch nicht in der Intensität, die mir eigentlich vorschwebt – aber ich laufe. Auch das gehört zu Aprilen wie diesem: nicht alles auf einmal, aber Schritt für Schritt zurück in die Bewegung.
Eine Hand-OP, die sich nicht an die Spielregeln hält
Ich hatte im April eine, wie ich sie genannt hätte, harmlose Handoperation. Das Problem mit dem Wort „harmlos“ ist, dass es nur dann stimmt, wenn der Körper sich daran hält.
Eine Woche später ist die Beweglichkeit meines Mittelfingers immer noch eingeschränkt. Nichts Dramatisches, aber doch genug, um mich zu ärgern (bei dem, was ich alles vorhabe, benötige ich die rechte Hand).
Dazu kommt: Ich wollte im Mai eigentlich wieder mit Ärzte ohne Grenzen losziehen. Es findet sich derzeit aber kein Projekt für mich. Und das, gepaart mit dem Finger, der sich noch ziert, hat mir tatsächlich einen Anfall von Selbstmitleid beschert.
Selbstmitleid ist nicht meine Disziplin. Es irritiert mich, es ärgert mich, und ich weiß noch nicht so genau, was ich damit anfangen soll, außer es zur Kenntnis zu nehmen. Vielleicht ist genau das die Lektion: Auch Menschen, die normalerweise „Augen zu und durch“ funktionieren, dürfen sich kurz leid tun. Nicht lange. Aber kurz.
Das Krokodil scheint bei der Sache jedenfalls nicht beleidigt zu sein. Es liegt halb im Wasser und schaut zu.
Gelesen im April
Viel war es nicht. Aber das, was ich gelesen habe, war intensiv.
Auf meinem Schreibtisch liegt gerade Ruth Picardie. “Es wird mir fehlen, das Leben.”
Picardie war Journalistin, zweiunddreißig Jahre alt, hatte gerade Zwillinge bekommen, als die Diagnose kam: Brustkrebs. Sie hat über ihr letztes Lebensjahr in einer Kolumne geschrieben. Nicht tröstend. Nicht heroisch. Oft sarkastisch, manchmal wütend, immer scharf.
Was mich an diesem Buch so beschäftigt, ist nicht das Sterben. Es ist die Sprache. Sie findet Worte für das, was den Menschen um sie herum Angst macht – wie gehe ich mit einem Schwerkranken um? Picardie weigert sich, die übliche Sprache zu benutzen. Es geht nicht um Reisen, nicht um Kämpfen und auch nicht um sich-nicht-Unterkriegen-Lassen. Im Gegenteil ist sie zT fast sarkastisch und brutal ehrlich und gleichzeitig schreibt sie von vermeintlich Banalem, wie teure Gesichtscremes, die sie sich noch leistet, weil es sonst keine Perspektiven mehr in ihrem Leben gibt. Sie findet Worte, wo andere stumm und leidend zurückbleiben. Ja, geschriebene Worte können heilen – deshalb kann Bibliotherapie ja auch wirken.
Zahlen des Monats
- 8 Blogartikel
- 4 Newsletter (jeden Samstag, wirklich!)
- 2 Bücher
- 130.986 Schritte – das sind 81 Kilometer zu Fuß
Was ich aus dem April mitnehme
Der April war ein Monat, in dem ein paar Dinge richtig gut gelaufen sind: Newsletter, Anmeldeseite, ein Blogartikel, der sofort gelesen wurde, ein gestalteter 80. Geburtstag, ein neuer Lesesessel, das Laufen, das wieder anfängt.
Und gleichzeitig ein Monat, in dem mir ein paar Dinge gezeigt haben, dass nicht alles in meiner Hand liegt: ein Finger, der sich Zeit nimmt. Ein MSF-Einsatz (MSF = Ärzte ohne Grenzen), der nicht zustande kommt. Ein Barcamp, auf dem ich gelernt habe, dass ich an meinem Pitch arbeiten muss. Eine Session für eine Person.
Vielleicht ist das die eigentliche Krokodil-Lektion: Vertrauen, dass das, was sich gerade entzieht, nicht für immer weg ist. Und dass das, was sich neu öffnet, manchmal nicht so aussieht, wie man es sich gewünscht hat.
Mein Ausblick auf den Mai
Ich möchte den Newsletter weiterhin verlässlich am Samstag rausschicken. Ich möchte den Finger zurück in den vollen Bewegungsumfang bringen. Ich möchte die MSF-Sache nicht aus den Augen verlieren, aber auch nicht weiter mit Ungeduld darauf warten.
Und ich möchte – und das ist vielleicht das Krokodil-Programm in voller Blüte – im Mai einmal einen Schritt nach dem anderen machen. Ohne mir gleich aus jedem Schritt eine ganze Strategie zu zimmern.
Krokodile sind übrigens, ich habe nachgesehen, sehr geduldige Tiere.
Sie warten manchmal Stunden bewegungslos.
Ich gebe zu: So weit bin ich noch nicht. Aber ich arbeite dran.
Wie war dein April? Schreib es mir gern in die Kommentare. Ich freue mich – ehrlich gesagt sogar besonders, wenn er bei dir auch ein bisschen schief war. Dann sind wir schon zu zweit.


